Deutsch (DE-CH-AT)   English (United Kingdom)   Türkçe(Tr)   Français(Fr)   Italiano(Italy)

Die Magie der Naturvölker: Eine Begegnung mit dem "Anderen"

 

Ich erinnere mich an einen alten Teufel, aus dem Stamme der Luchazi, der ganze Arme voll trockener Blätter, Wurzeln und Stängel herbeischleppte, um mir ihre Verwendung zu erklären. Was war er: Pflanzensammler oder Zauberer? Ich konnte dieses Geheimnis nie durchdringen, aber mit Bedauern stellte ich fest: niemals werde ich über sein Wissen von der afrikanischen Psychologie und über seine Geschicklichkeit verfügen, seinesgleichen zu behandeln: meine medizinischen Kenntnisse und seine Talente hätten zusammen eine sehr brauchbare Verbindung ergeben.”1

 

Was der amerikanische Ethnologe Gilges für den Stamm der Luchazi aus Nord-Rhodesien in der Begegnung mit Weißen in einer Abhandlung aus dem Jahr 1951 beschrieb, galt in selbem Maße für weitere Begegnungen zwischen Weißen und sogenannten Naturvölkern an anderen Orten der Welt: Eine „brauchbare Verbindung“ war möglich zwischen den Talenten der „Eingeborenen“ und dem Wissen der „Eindringlinge“, was auch in umgekehrter Weise für das Wissen der „Eingeborenen“ und die Talente der „Eindringlinge“ galt. Dabei herrschte wie bei allen Entdeckungen eine Klassifizierungsneigung im Angesicht der Begegnung mit dem Fremden vor. War er Pflanzensammler oder Zauberer? Das Unwissen des Entdeckers musste um jeden Preis gestillt werden. Ein „Wilder“, dem man für seine Talente zwar Respekt zollte, der einem jedoch Geschicklichkeit und Talente vorführte, die in der weißen Vorstellungswelt vollständig unbekannt waren, musste eingeordnet werden: wenn er nicht ein schlichter Pflanzensammler war, so doch mindestens ein mystisch geheimnisvoller Zauberer mit versteckten Kräften? Der weißen Phantasie waren in der Begegnung mit dem „Anderen“ keine Grenzen gesetzt.

Für Wissenschaftler, die sich mit den „Wilden“, den „Eingeborenen“ oder „Naturvölkern“ beschäftigten galt die Magie als „eine schüchterne und stammelnde Form der Wissenschaft“.2 Gemeint war der sekundäre Rang der Magie gegenüber der weißen Herrschaftswissenschaft, deren Überlegenheit in den Köpfen der Entdecker und Reisenden nicht in Zweifel stand, denn sie kannten es so aus dem der Rationalität stärker zugewandten Europa. Der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss versinnbildlichte die Magie folgendermaßen: „Es ist eher ein Schatten, der den Körper ankündigt, und in gewissem Sinne ebenso vollständig wie er, in all seiner Stofflosigkeit ebenso fertig und kohärent wie der feste Körper, dem er lediglich vorausgeht.“3 In der „Neuen Welt“ war die Begegnung zwischen Weißen und Indianern durch eine Beziehung on Ungleichheit geprägt, in der die eindringenden Mächte ihre vermeintliche Überlegenheit dadurch unterstrichen, dass sie ihren Zugang zur Technologe, Rationalität und Zivilisation betonten. Indigene Völker verließen sich dagegen auf ihre Rituale und nahmen den westlichen Lebensstil nur verhalten an. Für sie war die Praktik der Magie Teil ihrer Kultur und stand zunehmend in Gegensatz zu den Kolonisten, die ihre magischen Glaubenssätze als Abergauben abtaten. Indem jene den indigenen Lebensstil als bloßen Aberglauben verunglimpften konnten die Kolonisten ihre von Rationalität und Überlegenheit geprägte Position verstärken. Dennoch blieb die Magie ein fester Bestandteil der Kultur der Indigenen und erwies sich als wichtiges Ritual im Alltagsleben. Dies traf auch angesichts der zahlreichen Todesfälle zu, die nach dem Vollzug der christlichen Taufe eintraten und somit eine Gefahr für das Wohlergehen der Indigenen darstellten. Angesichts solchen Desasters wurden indigene Magierituale zu einem Gegenkonzept zu europäischen Lebens- und Behandlungsweise.

Für Lévi-Strauss war Magie ein „genau artikuliertes System“, demnach mit inhärenten Regeln, benennbar und unabhängig von der Wissenschaft. Sein amerikanischer Kollege Evans-Pritchard stufte die Magie an der Seite des Orakels als zwei unterschiedliche Möglichkeiten ein, Hexerei zu bekämpfen. Wie Evans-Pritchard für das Volk der Zande im Sudan beschrieben hat, war die Verwendung der Magie zur Erreichung gesellschaftlich gebilligter Ziele wie der Bekämpfung der Hexerei hoch angesehen. Damit kam sie einer medizinischen Behandlung gleich, mit der Übel, die den Körper befallen hatten, bekämpft werden konnten. Rituelle Handlungen folgten dabei einer strengen Logik, bestimmt durch technische Notwendigkeiten und dem Common Sense. Die Nähe zur Homöopathie war dabei unverkennbar. Die Zande erklärten: „Wir verwenden die-und-die Pflanze, weil sie wie dies-und-dies Ding ist.“4

Die Gleichsetzung von Eigenschaften aus der Pflanzenwelt mit der dinglichen Welt erwies sich als nützlich für die Medizinproduktion. Was zu einfach klang, um wahr zu sein, wurde allmählich akzeptiert, auch wenn die europäische Skepsis gegenüber dem Magischen des „wilden Denkens (Lévi-Strauss) hartnäckig war. Claude Lévi-Strauss selbst plädierte dafür, den Gegensatz zwischen Magie und Wissenschaft aufzuheben und sie stattdessen parallel zu betrachten, obwohl sie sich nicht nur hinsichtlich ihrer theoretischen und praktischen Ergebnisse unterschieden, sondern auch in Bezug auf ihre Herangehensweise.5 Lévi-Strauss löste sein Postulat des Aufhebens der Gegensätze ein und begriff Magie und Wissenschaft als zwei verschiedene Arten des wissenschaftlichen Denkens, die eine erfahrbar durch etwas, das der sinnlichen Intuition nahe kam und dabei der Sphäre der Wahrnehmung und der Einbildungskraft angepasst war, die andere ohne sinnliche Intuition und losgelöst davon. Dabei spielte in beiden Fällen die Klassifizierung (beispielsweise von Formen, Farben, Gerüchen und Geschmäckern) eine wichtige Rolle, denn jede Klassifizierung war dem Chaos überlegen und half bei der Ausbildung eines „Gedächtnisses“, aus dem die entsprechenden Eigenschaften abgerufen werden konnten.6

Die Tatsache, dass Pflanzen aus der Neuen Welt beispielsweise schnell in einem neuen Umfeld wie den Philippinen angenommen und verwendet wurden, erklärte ein Biologe damit, dass die Filipinos sehr viel herumexperimentierten und dadurch rasch die Eigenschaften der Pflanzen kennen- und einsetzen lernten: „Die Pflanzen, deren Blätter oder Stängel einen bitteren Geschmack haben, werden auf den Philippinen allgemein gegen Magenschmerzen verwendet. Jede eingeführte Pflanze, die das gleiche Merkmal zeigt, wird sehr schnell ausprobiert.“7 Diese „Wissenschaft vom Konkreten“, wie Lévi-Strauss sie nannte, musste sich notwendig von den Ergebnissen der exakten Naturwissenschaften unterscheiden und bildete doch die Grundlage unserer Zivilisation.8 Dabei bediente sie sich oftmals merkwürdiger Mittel und blieb dabei begrenzt. Die Elemente der mythischen Reflexion lagen zwischen wahrnehmbaren Eindrücken und Begriffen. Es wäre dabei unmöglich die wahrnehmbaren Eindrücke aus der konkreten Situation, in der sie entstanden sind, herauszulösen. Für die Begriffe dagegen gilt, dass es Zwischenglieder zwischen Bild (Signifikant im Saussurschen Sinne) und Begriff (Signifikat) gibt: die Zeichen.9 Um den Unterschied zu verdeutlichen: während ein Ingenieur auf der Ebene der Begriffe und damit umfassender operiert, tut es ein Bastler, der mit eingeschränkten Elementen hantiert, auf der Ebene der begrenzten Zeichen.10 In den Worten von Lévi-Strauss: „Auf der Achse, auf der sich Natur und Kultur gegenüber stehen, sind die Gesamtheiten, deren sie sich bedienen, merklich verschoben.“11 Während der Begriff „vollständig transparent“ ist, lässt das Zeichen es zu, dass die Wirklichkeit in gewissem Maße durch den Menschen geprägt ist: „It adresses somebody.“ (Peirce). Das Zeichen richtet sich somit an jemanden. Während der Bastler hierbei vorübermittelte Botschaften nur sammelt, lauert der Wissenschaftler auf die andere Botschaft, die einem Gesprächspartner entlockt werden könnte.

Auf der Ebene der Magie der Zeichen war es doch möglich von klaren Begebenheiten auszugehen. Die Zande im Sudan waren überzeugt davon, dass es Hexerei gebe, auch wenn man sie nicht sehen, also wissenschaftlich beobachten konnte. Dabei war kein Ritus vollzogen, kein Zauberspruch gesprochen12 und auch keine Medizin eingesetzt worden. Hexerei war in den Augen der Zande ein seelischer Vorgang und bezog sich sowohl auf das Denken als auch das Handeln. Evans-Pritchard hat das Wechselverhältnis zwischen Hexerei, Orakeln und Magie als drei Seiten eines Dreiecks bezeichnet, wobei Orakel und Magie zwei verschiedene Möglichkeiten darstellen, Hexerei zu bekämpfen. Während das Orakel aufdeckt, wer einem durch Hexerei geschadet hat, wird die Magie zur Bekämpfung dieser Hexerei eingesetzt. Die Magie unterscheidet sich von der Hexerei in entscheidender Weise dadurch, dass sie Sprüche als Riten einsetzt, um an ihr Ziel zu gelangen.13 Das homöopathische Element ist in vielen magischen Riten offensichtlich und man ist bemüht die Magie nicht im öffentlichen Raum zu vollziehen.14 „Wildem Denken“ war es dabei eigen, Symbolisierung und Konkretisierung als eine Einheit zu verstehen, wobei der Augenblick der Beobachtung nicht von dem der Interpretation getrennt wurde.15 Wenn Lévi-Strauss das Konkrete in diesem Denken betonte, so verwies er doch nicht auf den Mangel an Abstraktionsvermögen, das allgemein damit einher zu gehen scheint. Vielmehr ging es ihm darum, eine Überbetonung und Exponiertheit des Konkreten und Dinglichen bei den „Wilden“ herauszustellen. So wie alles Heilige bei ihnen seinen „Ort“ hatte, und nicht etwa nur als Kultstätte, so konnte Magie mit der Religion verbunden werden. Laut Lévi-Strauss war Religion die „Humanisierung der Naturgesetze“ und Magie die „Naturalisierung des menschlichen Tuns“. Daher gelte, dass es ebenso wenig Religion ohne Magie gäbe, wie Magie ohne Religion.16

 

geschrieben von Dr. Devrim Karahasan (2009)

 

1 W. Gilges, „Some African Poison Plants and Medicines of Northern Rhodesia“, Occasional Papers, Rhodes-Livingstone Museum, Nr. II, 1955, S. 20.

2 Claude Lévi-Strauss, Das Wilde Denken, Frankfurt a. Main 1994, S. 25.

3 Ibid.

4 E. E. Evans-Pritchard, Hexerei, Orakel und Magie bei den Zande, Frankfurt a. Main 1988, S. 247.

5 Claude Lévi-Strauss, Das wilde Denken, S. 25.

6 Ibid., S. 28.

7 R. B. Fox, "The Pinatubo Negritos: their useful plants and material culture”, in: The Philippine Journal of Science, vol. 81 (1952), Nr. 3-4, Manila 1953, S. 212f.

8 Claude Lévi-Strauss, S. 29.

9 Ibid., S. 31.

10 Ibid., S. 33.

11 Ibid.

12 Die Zande unterschieden deutlich zwischen Zauberei und Hexerei.

13 Evans-Pritchard, S. 247.

14 Ibid, S. 253.

15 Ibid., S. 256f.

16 Ibid.