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"Global war on terrorism" - ein Rückblick

 

Arabische und pakistanische Quellen ließen im Internet verlautbaren, dass am 14. oder 16. Dezember 2001, knapp acht Wochen nach dem US-geführten NATO-Angriff auf Afghanistan, der "meistgesuchte Terrorist der Welt", Osama bin Laden, unter abgeschirmten Verhältnissen in einem Krankenhaus in Rawalpindi gestorben sei. Als die USA drei Monate zuvor, am 11. September 2001 gegen 8h46 mit dem Einflug zweier Passagierflugzeuge in die ökonomisch symbolträchtigen Türme des World Trade Center in New York und dem dadurch auf ihrem Territorium verursachten unmittelbaren Tod von nahezu 3.000 Zivilisten konfrontiert worden waren, hatte Bin Ladens offizieller Feind George W. Bush, der damalige amtierende US-Präsident, gerade vor einer Schar von Schulkindern gesprochen.

Die Schockreaktion auf die Angriffe mündete im Ausrufen eines nationalen "Notstands" (state of national emergency). Denn an diesem Dienstag waren zudem gleich zwei weitere Attentatsversuche erfolgt: auf ein ziviles und zugleich militärisches Gebäude, das Pentagon bei Washington D.C., und ein viertes verursacht durch ein weiteres Passagierflugzeug, dessen Anschlagsziel unbekannt blieb und das nach tätlichen Auseinandersetzungen zwischen den Entführern, der Besatzung und den Fluggästen gegen 10h03 bei Shanksville (Pennsylvania) abstürzte.

Kaum hatte die Weltöffentlichkeit begriffen, was geschehen war, waren bereits erste Gesetze und Vorkehrungen zur Hand, die mit dem Ziel eingeführt wurden, den Schutz und die Sicherheit der Vereinigten Staaten von Amerika durch umfassende Überwachungsmaßnahmen, vereinfachte Informationsbeschaffung und militärische Intervention als Fortführung der Innen-, aber vor allem der Außenpolitik zu gewährleisten bzw. zu erhöhen. Fast zeitgleich setzten die Verschwörungstheorien ein, die an der Glaubwürdigkeit der offiziellen Versionen zweifelten und sowohl die ergriffenen Maßnahmen als auch die Anschuldigungen gegen Osama bin Laden als notwendige Bestandteile einer Rechtfertigungsstrategie für einen Krieg ungeahnten Ausmaßes ansahen, die auch bereits bei der Durchführung des ersten Irak-Krieges 1990/91 angeführt worden war. Während des zweiten US-geführten Irak-Krieges, der am 20. März 2003 ohne offizielle Kriegserklärung begann und bereits einen Monat später mit der Kapitulation Iraks endete, war mit dem Hinweis auf den Besitz von Massenvernichtungswaffen seitens Saddam Husseins argumentiert worden, diesmal mit dem Hinweis der Urheberschaft der Anschläge durch Bin Laden und Al Qaida. Beide Male schien es so, als seien arabischstämmige Herrscher, Potentaten oder Anführer zum Sündenbock für einen Kriegseinsatz erklärt worden.

Am 20. September 2001, neun Tage nach dem Vorfall in Manhattan/New York, hatte George W. Bush ein Ultimatum an die regierenden Taliban in Afghanistan gestellt. Darin forderte er dazu auf, entweder Osama Bin Laden und Al Qaida zu stürzen oder bei Nicht-Einhaltung einen Angriff seitens der USA in Kauf zu nehmen. Die Reaktion der Taliban war keineswegs verhalten: Sie forderten Beweise für die Anschuldigungen gegen Osama bin Laden und Al Qaida und deren behauptete Verwicklung in die Anschläge. Die Taliban schlugen vor, bei positiver Beweislage einen eventuellen Prozess vor einem islamischen Gerichtshof durchzuführen, was die USA jedoch ablehnten. Weder legten die USA Beweise vor, noch waren sie für die Idee, einen Prozess nach islamischem Recht durchzuführen, zu gewinnen.


Anfang Oktober desselben Jahres begann die angekündigte Invasion Afghanistans unter dem Namen "Operation Enduring Freedom" und war gefolgt von ersten Luftangriffen am 7. Oktober. Sie erfolgte zunächst gemeinsam mit dem NATO-Verbündeten Großbritannien und anschließend unter Teilnahme weiterer NATO-Staaten wie Kanada, Deutschland und Frankreich. Hierfür, so US-Kommandeur Mark Mullen, sei der Abzug von Truppen aus dem Irak notwendig, wo viele amerikanische Soldaten gebunden waren. Die USA mobilisierten fortan ungeahnte finanzielle, militärische und personelle Ressourcen, um den Krieg gegen den Terror ("Global war on terrorism") zu ermöglichen. Im Dezember 2001 nahmen schließlich internationale ISAF-Truppen unter einem UN-Mandat ihre Arbeit auf, die jedoch zunehmend unter NATO-Einfluss gerieten. Der nachfolgende US-Präsident Barack Obama ließ den Kriegseinsatz im März 2009, zwei Monate nach seiner Amtseinführung, in langfristiger "friedenspolitischer" Absicht in „Overseas Contingency Operation“ (OCO) umbenennen, um anschließend im Dezember 2009 anzukündigen, weitere 30.000 Soldaten innerhalb von sechs Monaten mobilisieren zu wollen, die innerhalb von 18 Monaten nach Beendigung ihrer Mission abgezogen werden sollten.

Das Ausmachen der individuellen Schuldigen der Flugzeugangriffe des 11. September hatte indes ungleich weniger Zeit in Anspruch genommen als die Einführung der Sicherheitsgesetze und die Invasion Afghanistans. In der Tat konnten einzelne vorwiegend saudi-arabischstämmige Täter, insgesamt etwa 19, vor allem die Piloten der Anschlagsmaschinen, identifiziert und weitere Spuren, die in einzelne „Terrorzellen“, u. a. in Hamburg, führten, ausfindig gemacht werden. Während die allgemeine Erklärung eher darauf abzielte, den islamischen Fundamentalismus als Reaktion auf die in vielen islamisch geprägten Ländern herrschende Armut und Unterdrückung und auf die verfehlte US-amerikanische Außenpolitik in diesen Regionen verantwortlich zu machen, gingen weiterführende Vermutungen in eine andere Richtung und nährten die im Umlauf befindlichen Verschwörungstheorien: Zweifler merkten an, dass zur Zeit der sowjetischen Besatzung Afghanistans die USA die Taliban zunächst unterstützt hatten. Zudem wurde auf die wirtschaftliche Kooperation im Ölgeschäft zwischen der Familie Bush und dem Al Qaida-Anführer Bin Laden und dessen Clan hingewiesen und dass letzterer selbst mehrfach in den USA gewesen sei, wo er eigens ausgebildet worden war, um gegen den sowjetischen Einfluss in Afghanistan zu kämpfen.


Der "war on terror" wurde vielfach als Inszenierung empfunden - was er in vielerlei Hinsicht sicherlich auch war - , der den hegemonialen Traum der USA von der "Weltvorherrschaft" vorantreiben und das Öl- und Waffengeschäft gegen die Interessen der örtlichen Zivilbevölkerung unter Inkaufnahme der Verletzung elementarer Menschenrechte ausbauen sollte. Es scheint einige Berechtigung für die Annahme zu geben, dass die offiziellen Darstellungen in Zweifel zu ziehen, die gängigen Erklärungsmuster zu überprüfen und die Funktion der Verschwörungstheorien zu analysieren sind, um sich den Verursachern, Motiven und Konsequenzen des 11. September 2001 mit einiger Skepsis und der gebotenen Vorsicht zu nähern. Eine der Erklärungen von Regierungsseite bzw. Geheimdienstvertretern ging bislang in die Richtung, dass der "meistgesuchte Terrorist der Welt" in einer primitiven Höhle hocke, aus der er nicht herauszulocken sei, weil die Abschirmung durch seine Anhänger perfekt funktioniere.

Neueste computeranimierte Fahndungsphotos, für die u. a. ein spanischer Politiker Pate stand und die jegliche Ähnlichkeit vermissen lassen, tun ein Weiteres, um die Zweifel der Skeptiker zu nähren. Dass Osama bin Laden eventuell längst tot sein könnte, wurde bereits mehrfach von verschiedenen Seiten angemerkt, hat aber bislang im Westen noch keine offizielle Bestätigung erfahren. Die Ungereimtheiten auch bezüglich der Statik der einstürzenden Türme des WTC, der herrschenden Temperaturen und Materialbeschaffenheit während des Angriffs und fehlender Wrackteile in der Nähe des Pentagon-Gebäudes taten ein Übriges um die Verschwörungstheoretiker auf den Plan zu rufen. Inzwischen wurde Osama Bin Laden und eine seiner Ehefrauen nebst einem Sohn von den Navy Seals in einer Operation vor einigen Jahren getötet.

Die vormals in der Presse und später auch im Fernsehen vor US-amerikanischen College-Studenten und Bürgern geäußerte Darstellung von Bin Ladens Höhlenversteck in Tora Bora, die während einer Talkshow gesendet wurde, verdient genauere Beachtung. Die oftmals reproduzierten Erklärungsmuster anhand beispielsweise der Video-Botschaften als Anklagen gegen den Westen und die Rekrutierung selbst europäischer und deutschstämmiger Männer in Terror-Ausbildungslager u. a. in Pakistan als weiterer Ausdruck des Hasses und der Aufstachelung gegen den Westen, verdienen ebenfalls detailliertere Analysen, die den ideologischen Impetus des Diskurses durchbrechen und machtpolitische, wirtschaftliche und geschlechtsspezifische Motive in den Vordergrund stellen möchten. Die Konstruktion von Männlichkeit und die Absicht eine Region unter Kontrolle zu bringen, die im Opiumanbau führend ist und schwer regierbar scheint, mag viel stärker die Motivation für den Krieg zum Ausdruck bringen als es die religiös gefärbten Argumente, die im Diskurs allenthalben zu vernehmen sind, - christlich fundamentalistisch und evangelikal auf der einen und islamisch fundamentalistisch und dschihadistisch auf der anderen Seite - vermuten lassen. In der Realität erweist sich, dass der Einsatz von Gewalt als Mittel der territorialen Expansion und Sicherung von politischer Stabilität sich offensichtlich nicht allein durch tatsächliche oder vermeintliche Machtansprüche und die Suche nach Gerechtigkeit legitimiert, sondern auch durch die unnachgiebige Demonstration von männlicher Stärke, Kompromisslosigkeit und Durchsetzungsvermögen. Zwei hegemoniale Vorstellungen von "Weltvorherrschaft" konkurrieren miteinander um die globale Vormachtstellung: auf der einen Flanke befindet sich die USA mit dem Anspruch auch jenseits von Afghanistan in sogenannten "failed states", die korrupte oder unstabile Regierungen aufweisen, zu intervenieren, um ihre Vorstellung von "good governance", Demokratie und wirtschaftlicher Zusammenarbeit durchzusetzen. Auf der anderen Flanke agiert ein Netzwerk organisierter islamischer Fundamentalisten, denen es um die Errichtung bzw. Wiederherstellung eines islamischen Kalifats und der Einführung und Verbreitung der islamischen Scharia geht. Dazwischen stehen die EU und NATO-Länder, die in diese Strategie miteingebunden werden.

Die Herkunft des aktuell präsidierenden Staatsoberhaupts Barack Obama hat stets auch eine Rolle im Wahlkampf und bei den Anfeindungen durch politische Gegner wie Hilary Clinton als auch durch Wegbereiter wie Jeremiah Wright gespielt. Diese "gemischte" Herkunft des Präsidenten aus Kenia, Indonesien und den USA mit Wurzeln in islamisch geprägten Regionen blieb dabei nicht unprekär. Bezüglich der Figur des aktuellen amerikanischen Präsidenten stellt sich die Frage, was seine Herkunft mit seinen eigenen Visionen der amerikanischen Politik zum Beispiel gegenüber islamisch geprägten Staaten zu tun hat, wie diese Identität in seine Außenpolitik mit einfließt und wie er seine Herkunft in der Politik thematisiert und ggf. instrumentalisiert.

US-Präsident Barack Obama für 2010 eine Aufstockung der amerikanischen Truppenstärke des seit Oktober 2001 andauernden Afghanistan-Krieges angekündigt und rund 30.000 zusätzlichen US-Soldaten in Richtung Mardscha, wo sich laut Presseberichten etwa 1.000 Taliban-Kämpfer befinden sollen, den Marschbefehl gegeben, der mit dem Abzug Mitte 2011 besiegelt werden sollte. Dabei ist zu fragen wie sich die Gefahren, die von dieser Form der US-Außenpolitik ausgehen, auf andere Länder der Region wie beispielsweise Iran erstrecken, das mehr als nur aus Machtdemonstration an der Entwicklung der Atombombe über die Anreicherung von Uran für Atomkraftwerke hinaus arbeitet. Die Möglichkeit des technologischen Hightech-Krieges als Antwort auf die modernen Bedrohungen und schwer kontrollierbaren Entwicklungen sowie die Auswirkung auf Belange der Innenpolitik und die Lebensumstände einzelner Bürger sollten genauer betrachtet werden. Dabei stellt sich amerikanische Außenpolitik stets als Interventionspolitik dar.

Die Literatur zu 9/11 ist vergleichsweise überschaubar und reicht von journalistisch geschriebenen Büchern (Aust, Meyssan, u.a.) bis hin zu zahlreichen Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln. Diese lassen sich in drei Gruppen einteilen: Auf der einen Seite stehen die "Verschwörungstheoretiker", die die offiziellen Regierungsversionen in Zweifel ziehen und vorwiegend von der CIA und anderen Geheimdiensten als den Drahtziehern der Attentate ausgehen, indem sie auf die Widersprüchlichkeiten, Ungereimtheiten und Lücken der Verlautbarungen und Erklärungen hinweisen. Auf der anderen Seite stehen die "Legitimierer", die die offiziellen Darstellungen favorisieren, die sich an die Vorgaben von Pressestellen und deren Kommuniqués halten und die fortwährende Gefahr, die von Osama bin Laden als Anführer der Al Qaida ausgehe, wenn auch neben anderen, beschworen haben. Die dritte Gruppe der "Skeptiker" stellt die Versionen und Argumentation beider Seiten in Frage und versucht zu einer differenzierten Sichtweise beizutragen. Im Sinne der dritten kritischen Perspektive könnten die logischen Zusammenhänge innerhalb der Diskurse aufgezeigt und die tatsächlichen Vorkommnisse anhand der Literatur und verfügbaren Informationen so weit rekonstruiert werden, dass im Idealfall Mythen, Lügen und Fiktionen von Fakten, Beweisen und plausiblen Argumentationen unterschieden werden können.

Die Thematik beinhaltet eine kaum zu unterschätzende gesellschaftliche Brisanz und Bedeutung, nicht zuletzt aufgrund ihrer Konsequenzen auf das Leben der Bürger in verschiedenen Staaten, zuhause und auf Reisen. Die Vehemenz, mit der einige der Maßnahmen zum erhöhten Schutz und zur Sicherheit derselben ergriffen und durchgesetzt werden, zeigt die Entschiedenheit auf politischer Seite, den Vorfällen mit Härte und Konsequenz zu begegnen. Dem stehen jedoch verblüffende Informationslücken gegenüber, die in der Öffentlichkeit meist hingenommen werden. Einer Aufklärung der Umstände von 9/11 und der Darstellung der Hintergründe hätte es nicht nur aus diesen Gründen, sondern aufgrund der Dringlichkeit effektiver Maßnahmen im Zuge der zunehmenden Militarisierung des Vorgehens, deren Erfolgsaussichten von vielen Seiten in Frage gestellt wird, bedurft. Parallele Entwicklungen, die im Windschatten der Kriegseinsätze stattfinden, geraten außer Kontrolle und werden durch die Fortsetzung der bisherigen Strategie noch verstärkt.