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Lontani di casa -

"Die in der Ferne Weilenden"

(aus dem Italienischen von Dr. Devrim Karahasan)

 

Leben bedeutet sich unaufhörlich zu verändern und pausenlos auf Neues, mit dem das Leben einen konfrontiert, zu reagieren. Willkommene, positive und überfällige Veränderungen, die man mit Ungeduld erwartet hat. Es sind aber häufig auch schmerzhafte und erschütternde Veränderungen. Vorhersehbar oder unerwartet - die Veränderung zeigt sich, indem sie an unsere Tür klopft.

Und es ist genau diese Veränderung, von der wir in diesem Jahresbericht sprechen wollen. Ein Bericht, der wie gewohnt von mehreren geschrieben wurde, sowohl von den Gästen als auch den Mitarbeitern, um eine möglichst wahrheitsgetreue Darstellung des Lebens, wie es mit viel Schwung im Institut XSN abläuft, zu geben. Persönliche, tiefschürfende Erzählungen, Erzählungen, die fern von zuhause geschrieben wurden.

Mit dem Umzug von Treggia nach Lugano hat sich unser Umfeld massgeblich verändert, findet Sabina. Wir haben das Dorfleben, das breite Panorama, die Natur, die Stille und die Ruhe verlassen und befinden uns nun inmitten des Stadtlebens. Strassen, Mauern, Häuser, Betrieb, Menschen, Lärm, Plaudern und Lachen: Alles rund um unseren jetzigen Wohnsitz ist in Bewegung. Wer sind die Menschen, die hier wohnen, die spielenden Kinder auf dem Schulplatz? Kennen sie uns? Wissen sie, wer wir sind? Natürlich nicht! Also, los geht’s, wir organisieren ein Fest und laden alle ein. Ein wunderschönes Fest soll es sein, mit Aperitifgetränken und einer Aufführung unseres Theaters „I quattro elementi“. Einladungen werden verschickt, es wird geprobt, gehämmert, gebastelt und dekoriert, gebacken und gekocht. Alle sind im Einsatz. Und dann: der grosse Tag ist da, die „Festa dei vicini“ („Das Fest der Nachbarn“) kann beginnen. Startbereit voller Spannung, Freude und Lampenfieber sitzen wir hinter den Kulissen und warten auf unseren Auftritt. Wer wird denn alles kommen? Der Saal füllt sich, es sind alle da. Der Vorhang öffnet sich. Mit voller Hingabe und Stolz treten wir auf. Wir sind Artisten. Riesen Applaus und eine Zugabe. Das war ein Erfolg! Aber das Fest ist noch nicht zu Ende und es geht mit dem genüsslichen Teil des Abends weiter. Ein leckeres Buffet erwartet uns. Nun können wir uns mit allen Eingeladenen bekannt machen und unterhalten. Wer nicht alles da ist: das Fernsehen, der stellvertretende Bürgermeister, Pietro Martinelli, der ehemalige Staatsrat, die Mönche vom „Convento dei Cappuccini“, Nachbarn, Freunde, Verwandte und Bekannte. Zum Schluß sind wir alle müde und gehen zufrieden, mit vielen Erinnerungen, Eindrücken und dem Echo des Applauses ins Bett.

Jedoch nicht alle Protagonisten des Theaters konnten das Getöse des Applauses auf dieselbe Art und Weise hören. Es gibt in der Tat jene, die wie Faust, mit einem Verlust des Gehörs konfrontiert sind und deshalb die menschliche Stimme, die Töne und verschiedenen Geräusche der anderen nicht wahrnehmen können. Aber der Reihe nach.

So manche Monate haben wir eine Veränderung im Verhalten von Faust festgestellt und uns gefragt, warum Faust sich immer mehr von der Gruppe isoliert hat. Das war eine Neuigkeit für alle, die damit unmittelbar konfrontiert waren. In einem ersten Moment haben wir Faust aufmerksam beobachtet und die Situationen analysiert, in denen seine Aufmerksamt langsam nachließ. Und indem wir das taten, kam uns ein Verdacht: geht es Faust gut? Die ausgewiesenen Experten, die einen Hals-Nasen-Ohren Arzt konsultiert haben, konnten unseren Verdacht bestätigen und nachweisen, dass Faust unter einer leichten Schwerhörigkeit leidet. Mit der medizinischen Indikation wird Faust, begleitet von Livio, zu einer Firma gebracht, die sich spezialisiert hat und die die abschließende Untersuchung des Hörsinns und einen Abdruck des Ohrs vornimmt. Bei ihrer Rückkehr bleibt Faust und Livio nichts anderes übrig als das Telefonat abzuwarten, das sie darüber informiert, dass Faust sich die leuchtenden neuen akustischen Prothesen abnehmen lassen kann. Der Tag kommt, an dem wir in die Stadt fahren und uns in Richtung Hörgeräteakustiker begeben. Faust hat das erste Mal seine Hörgeräte anbringen können. Der Hörgeräteakustiker hat den Ton auf die verschiedenen Frequenzen eingestellt und kann kontrollieren, ob die Geräte gut ans Ohr angepasst sind. Nach der letzten Kontrolle mit den Prothesen folgt eine schöne Erläuterung darüber, wie er sie benutzen, reinigen und während der Nacht in der vorgesehenen Schachtel verstauen kann. Als er aus dem Laden heraustritt, läuft Faust einige Schritte und ruft dann voller Verblüffung und Erstaunen aus: „Ah, ich höre  [unklares Wort], die gesungen werden!”.

Nachdem wir die optimale Lösung für die Probleme des Hörsinns gefunden haben, beschliessen wir auch das Sehvermögen von Faust zu überprüfen. Im italienischen Krankenhaus werden alle Tests durchgeführt und es zeigt sich, dass auch das Sehvermögen in diesem Zustand eingeschränkt ist und nunmehr einer Korrektur bedarf. Faust hat sich das Modell und die Farbe der Fassung, sogar die Fassung selbst, ausgesucht, da er zwei Paar Brillen braucht: eine rote zum Lesen und eine blaue für die Fernsicht. Der Optiker hat die Brillen fertiggestellt und als wir gekommen sind, um sie abzuholen, hat er sofort das neue Sehvermögen Fausts auf den Prüfstand gestellt. Er hat ihn tatsächlich gebeten, einen Artikel aus der Zeitung zu lesen und daraufhin die Aufschriften zu entziffern, die sich außerhalb des Geschäfts befanden. Mit großer Überraschung, mehr noch unsererseits als von Seiten des Optikers, der schließlich seinen Beruf kennt, hat Faust es geschafft alles zu lesen. Von da an hat er nie wieder auf seine Brille verzichtet und hat sie auf seine eigene Art und Weise benutzt: zum täglichen Lesen der Zeitung und freitags der „Rivista Luganese“ (Zeitschrift von Lugano). Von Zeit zu Zeit erfreute er sich daran, seinen Libelingscomic „Tex Willer“ zu lesen.

Zwei technische Schmuckstücke hatten das Leben Fausts fundamental verändert und es ihm ermöglicht, auf optimale Weise mit den anderen Gästen, den Mitarbeitern und generell mit allen, die ihn umgaben, in Verbindung zu treten.

Und es ist wirklich von Bedeutung für die Welt, die uns umgibt, dass wir uns wünschen, die nächste Geschichte zu erzählen. Eine Welt, die für Jahre geschützt ist durch die Wände des Hauses von Treggia, ist unverändert geblieben und hat es somit Herbert ermöglicht, sich mit Sicherheit an einem Ort und in seinen Gewohnheiten zu orientieren. Eine Welt, die sich durch die Umsiedlung innerhalb eines Augenblicks verändert hat. Die Umsiedlung und das neue Haus haben Herbert mit einem der schwierigsten Momente konfrontiert, die er in den letzten Jahren erlebt hat. Nach den ersten Tagen am neuen Sitz haben wir tatsächlich feststellen können, dass Herbert sich wirklich schlecht fühlte in den neuen Räumen; er war verschreckt, unsicher und sehr nervös. Daher haben wir entschieden, Herbert zwölf Tage lang einzeln zu besuchen. Rosa hat ein persönlich auf ihn zugeschnittenes Projekt aufgestellt, das vorsah, dass Herbert immer einzeln begleitet wird, von morgens 8h bis abends 20h, mit dem Ziel, ihn aufrecht zu halten und ihn darin zu beruhigen, die neuen Räumlichkeiten anzunehmen. Dank dieser Maßnahme wurde es Herbert möglich, sich mit größerer Ruhe und Sicherheit an die neue Umgebung zu gewöhnen, die neue Realität zu akzeptieren und seine Heiterkeit wiederzuerlangen. Sie schrittweise mit den Schwierigkeiten zu konfrontieren und ihr eine Begleitung zu bieten, die innere Ruhe und Heiterkeit verleihen kann, bedeutet die Person in ihrer Andersartigkeit zu respektieren.

Daniela erklärt, dass in einem gemeinsamen Mosaik, wie das Institut eines ist, mit all seinen Interdependenzen, auch nur einen einzigen Teil seines Funktionssystems zu verändern bedeutet, durch die neue Logistik schwerwiegende Bewegungen der Neubewertung auszulösen. Jeder, der diesem Wandel unterworfen ist, mußte auf eine innere Elastizität zurückgreifen können und dazu in der Lage sein, sich dem Bedarf und den Anforderungen des Augenblicks anzupassen. In diesem Fall ist auch das Prinzip der Gestalttherapie falsch, das besagt, dass „das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile“; der Mehrwert ist gegeben durch die Qualität stabiler zwischenmenschlicher Beziehungen, die eine wirkungsvolle Stütze und einen Halt geliefert haben, sowie eine nachfühlbare Rhytmizität, die sich aufgrund der Sicherheit durch eine gewohnheitsmäßige psycho-physische Dimension bietet.

Während des Jahres 2009 konnten die am Institut und im alltäglichen Leben abgelaufenen Aktivitäten durch die Motivation und das Erlernte einer für uns alle bereichernden Figur nacherzählt werden...voilà der Auszubildende! Nadia erzählt uns: „Der Auszubildende ist vielmehr eine neue Figur am Institut, ich bin jetzt die zweite. Meine Rolle ist diejenige einer mitgliedlichen Assistenz-Chirurgin mit Behinderung. Die Anbindung an den Dienst des Individuums verläuft holistisch, und umfasst folgende Aspekte: biologisch, psychologisch, spirituell, sozial und kulturell. Demnach ist das Heil nicht nur einfach die Abwesenheit von Krankheit, sondern die kontinuierliche Suche nach dem Gleichgewicht zwischen diesen fünf Sphären und der Umgebung. Sobald wir uns in einem schwierigen Zustand befinden, unternehmen wir mehr Anstrengungen, um ein umfassendes Wohlbefinden zu erreichen. Und hier kommt meine Aufgabe ins Spiel: die Person in den verschiedensten Momenten des Tages zu begleiten, um ihr zu ermöglichen auf die bestmögliche Weise der täglichen Realität entgegen zu treten. Und eine Unterstützung in der Anpassung an die fortlaufende Bewegung zu geben. Dem menschlichen Sein wird geholfen, ja, aus dem reinen und einfachen Geist des Fortlebens, aber auch der Intelligenz, heraus. Dieses Individualisieren der Ressourcen der Nutzer ist - im Bewußtsein der Probleme, aber keineswegs konditioniert durch die Grenzen - eine große Herausforderung und Verantwortung. Das Ziel dieser Arbeit ist es eigentlich, die genaue Beobachtung und Aufmerksamkeit gegenüber den Veränderungen zu schärfen. Wir sind es selbst, die die Hauptzügel festhalten und die die Regeln festlegen, vor allem aus Fragen der Sicherheit und der Hygiene heraus, der Gast jedoch ist in seinem Haus und wir müssen seine Lebensgeschichte berücksichtigen. Unsere Präsenz ersetzt nicht die seine und sie dringt nicht in die Privatsphäre ein, versucht aber das Potential zu entwickeln, um die eigene Autonomie weitestgehend zu erhalten.

All dieses Verhalten verändert die Informationen innerhalb der Gruppe und die Reflexion der Analyse muss an die Stelle von Situationen des Zweifels oder der Befangenheit treten. Die Effizienz und die berufliche Unabhängigkeit sind nicht allmächtig, aber das Ergebnis einer ethisch-moralischen Konfrontation mit dem Anderen mit dem Ziel zu wachsen, sich zu verbessern und adäquat einzugreifen, steht bei dieser Gelegenheit, die die Freude und das Interesse in der laufenden Arbeit erneuert, im Dienst der Person.“

Am Tag der Umsiedlung haben die Mitarbeiter Kartons und Kisten mitgebracht und die Mobilen unter den Gästen sind losgefahren, um ein schönes Picknick zu veranstalten. Ivana erinnert sich: “Wir haben einen Transporter und ein Auto besorgt und sind nach Carona in den Parco San Grato gefahren. Wir haben uns die Aussicht angesehen. Dort waren Blumen und ein Restaurant. Wir haben ziemliche Mühen auf uns genommen, um spazieren zu gehen und danach sind wir lieber im Auto gefahren. Wir haben an einem Ort geparkt, an dem man das durfte und mit anderen Gästen haben wir eine kleinere Runde gedreht. Danach haben wir Panini (dt.: belegte Brötchen) und Nachtisch gegessen, und dann haben wir uns umgezogen. Wir sind ein Stück nach unten gelaufen bis zu dem Ort, an dem wir das Auto geparkt hatten. Wir sind ein bisschen weiter bis zu einem schönen Plätzchen gelaufen, wo sich ein Mäuerchen und eine Kirche befanden. Wir waren ganz allein, und haben uns auf einer Decke unter einem Gewächs ausgestreckt. Und dann haben wir uns gesagt, dass wir nicht zu lange unter der Sonne bleiben wollen. Und dann sind wir noch weiter nach unten gelaufen, wo sich ein schönes Geschäft befand, aber dort sind wir nicht stehengeblieben, weil es unweit davon eine schöne kleine Grotte gab, an der wir dann stattdessen stehengeblieben sind. Wir haben ein Eis gegessen. Dann waren da die Schaukel und die Rutsche. Zwei Schaukeln, wenn man es recht besieht. Ich bin runter zur Schaukel gelaufen, aber es war so, als müsse ich mich quasi vom nach vorne und hinten bewegen übergeben. Es war sehr schön, so von der Sonne beschienen zu werden, sehr schön sogar. Wir haben auch Pommes frites gegessen. Und danach sind wir noch an einen schönen Ort gegangen, dann sind wir alle zu Fuß in den Wald gelaufen. Dort waren viele Blätter. Dort sind wir spazieren gegangen. Dann sind wir tiefer hinein gelaufen, wo sich ein Brunnen und ein Häuschen befanden. Danach haben wir erneut den Bus genommen und statt zu Fuß nach Treggia zu gehen, sind wir nach Lugano ins neue Haus gegangen. Wir sind eingetreten und irgendwer hat sein Zimmer gesehen. Ich habe begriffen, dass es eigentlich mein Zimmer war, weil an der Tür ein rotes Herz mit meinem Namen hing. Dort war auch das Foto meines Neffen, der gerade erst vor Kurzem geboren ist.”

Daniela, die in diesem Moment zugegen war, erzählt, dass Ivana zum ersten Mal, ganz gerührt, in ihr Zimmer eingetreten ist: dort hat sie sich aufs Bett gesetzt und hat gesagt: “Ich räume sofort all meine Sachen ein, die CDs, die Bilder, die Fotos meines Neffen...Ich möchte das Gemälde von Lourdes an die Wand neben dem Fenster hängen, die CDs lege ich auf die Kommode...Liebes, nicht wahr, das ist doch mein Zimmer? Wenn ich nachts aufstehe, nehme ich wahr, dass der Schrank sich plötzlich neben dem Fenster befindet und dass ich an einem anderen Platz bin, aber dann, während ich versuche, mich morgens zu orientieren, ich die Augen schließe, dann ist es so, als ob ich mich wieder in Treggia befinde...”.

Maurizio, der ebenfalls mit der Veränderung der Wohnumgebung und dadurch bedingt einer Änderung der Gewohnheiten konfrontiert ist, erzählt uns: “Als wir in Treggia waren, sind wir jeden Mittwoch die Eier und den Blätterteig in Tesserete holen gegangen. Danach fragte die Gärtnerei nach dem Geld und dann um 14h15 kam die Post. Wir sind zur Bushaltestellte hinunter gelaufen und haben die Einkäufe erledigt. Es gefiel mir sehr zu sehen, was es Neues zu essen und zu kaufen gab. Ich nahm immer etwas Erfrischendes zu trinken. Wisst ihr, was es war? Mineralwasser mit Kohlensäure! Danach stieg ich in den Wagen, der kostenpflichtig war. Wir hatten eine Einkaufsliste, die man mir im Institut gegeben hatte. Viele Male kaufte ich auch Kleidung fürs Büro. Danach ging ich zum Bezahlen. Ich nahm immer mein Portemonnaie mit, das man mir geschenkt hatte und auf dem sich eine Zeichnung eines Tilsiter und einer Kuh befanden. Das Portemonnaie ist noch neu, ich habe es kaum gewaschen. Ich schaue im Computer der Kasse immer nach, ob ich noch genug habe. Ich kontrolliere auch, wieviel mir die Kassiererin zurückgeben muss. Wir sind schon seit langem in Lugano, alles hat sich verändert und es ist wie neu. Montags gehe ich mit Marinella die Einkäufe erledigen. Um Käse zu kaufen. Zu Fuß durchqueren wir die Stadt und jedesmal grüße ich Michele, der in der Bar arbeitet, an der wir vorbeikommen. Er ist sehr sympathisch. Wenn wir im Geschäft sind, bedienen uns Christian oder Umberto, oder auch Marco. Sie sind sympathisch. Wir tragen zwei Tabletts, und sie fragen uns stets, ob wir das Übliche wollen. Und Marinella und ich antworten: „Ja, achtundzwanzig Mal Ziegenkäse“. Der ist sehr gut. Und dann schenkt uns Umberto noch einen zum Schluß obendrauf. Den probieren wir dort vor Ort. Er ist wirklich sehr sympathisch, dieser Umberto. Auf dem Rückweg bleiben wir immer an der Kirche stehen, die Cristo Risorto. Gegen 10h50 sind wir zurück. Mittwochs hingegen, wie heute, gehe ich allein, um die Eier vom Bioladen zu holen. Dann geben sie mir am Institut die Punkte-Gutscheine und dann um 14h breche ich zu Fuß auf. Dann sagen sie „Ciao Maurizio“ und daraufhin fragen sie mich, ob ich die letzten Eier will. Wir kontrollieren die Eier, um zu sehen, ob sie eventuell nicht mehr gut sind. Es sind dreißig oder sechsunddreißig jede Woche. Und dann stellen sie mir die Rechnung aus, die ich dann mit den Gutscheinen im Büro abgeben muss. Und danach geben sie mir auch die Punkte und vermerken sie. Die Eigentümer des Bioladens sind sehr sympathisch. Ich grüße sie immer alle. Es gefällt mir sehr, allein in Lugano spazieren zu gehen. Denn es ist mehr in den Straßen los und es sind viele Leute unterwegs, die zum Einkaufen gehen, mit den Kindern, mit den Eltern, Mamas, Papas, Omas, Onkels. Danach muss ich wieder zurückkehren, gegen 14h45. Und danach um 15h gehe ich ins Büro, um den Kassenbon und die Gutscheine hinzubringen”.

Manche Gäste leben in der Gegenwart und sie sprechen nie von dem Haus in Treggia, andere hingegen bombardieren uns unaufhörlich mit Fragen in Bezug auf den Neubau und die Umsiedlung, die sie erwarten und die sie ins Haus zurückbringen wird. Und das ist eigentlich nur der Fall, um die Verbindung nach Treggia und zu dem Haus im Werden aufrechtzuerhalten, weil wir von Beginn an beschlossen haben, dass unsere Gäste das Recht haben sollen, und wir hoffen auch die Lust, konkret die Veränderungen auf der Baustelle zu sehen.

Kaum, dass das Gelände mit den laufenden Arbeiten zugänglich war, sind wir mit unserem Kleinbus Richtung Treggia gefahren, um zu beobachten, wie die Arbeiten fortschreiten und um mit eigenen Augen die Veränderungen zu sehen. Wir sind auch den Arbeitern begegnet, haben mit ihnen gesprochen und haben alle gemeinsam eine schöne Brotzeit gegessen, die wir gemeinsam zubereitet haben. Solche Besuche, erklärt uns Andrea, wurden während des gesamten Jahres 2009 im Abstand von mehr oder weniger drei Monaten fortgesetzt.

Jeder Gast reagiert auf seine Weise auf die Baustelle und jeder interessiert sich für etwas Bestimmtes auf seine eigene Art und Weise, und gemäß seiner Lebens- und Seinsweise. Ein Gast setzt sich in die Küche oder besser gesagt, einstweilen zwischen die Mauern derselben, und beschäftigt sich damit, falls es genügend Platz gibt, die Nudeln vorzubereiten, eine Aktivität, die jeden Tag stattfindet. Ein anderer fragt ganz direkt, wo sich sein Zimmer befindet und denkt daran, wie er es einrichten möchte und wo er seine kostbaren Fotos aufhängt. Ein anderer Gast wiederum hält sich kurz damit auf, sich zu fragen, welches sein Bad und seine Dusche sein werden, in Anbetracht dessen, dass er sehr auf persönliche Hygiene bedacht ist und seine Privatsphäre geniessen möchte. Dank dieser regelmäßigen Besuche leben die Gäste den Wandel und spüren ihn unaufhörlich und soweit es möglich ist, bestätigen sie, in einem gewissen Sinne, dass niemand wirklich sein Haus in Treggia verlassen hat.

"Panta rei": alles fließt. Ein Fragment dieses Heraklit, zitiert von Marinella, unterstreicht wie der Mensch nie dieselbe Erfahrung zweimal machen kann, dass, jede Einrichtung in ihrer scheinbaren Realität fußend, dem unerbittlichen Gesetz der Zeit unterliegt. Ein wichtiger Satz. Aber was besagt er für unser Leben? Wir nehmen uns die Zeit zu reflektieren, wir beruhigen uns und machen uns einen Kräutertee. Grüß euch, Kampai! [sic] Der Kräutertee, den ihr vielleicht gerade trinkt, unterscheidet sich von dem, den ihr letzte Woche getrunken habt, weil es unmöglich ist, denselben Kräutertee zweimal zu trinken. Der Kräutertee an sich, aber auch die Situationen und die Seelenzustände verändern sich unaufhörlich. Ich bin dran mit Schlürfen und meine Gedanken schweifen umher:

  • die Veränderungen sind eher daran gebunden, etwas da zu lassen, das man kennt statt etwas Unbekanntes, was oftmals mit ein wenig Angst verbunden ist, und mit viel Traurigkeit und Melancholie für das, was man zurücklässt;
  • auf die verschiedenen logistischen und strukturellen Veränderungen, mit denen wir 2009 konfrontiert waren, einen Kräutertee zu trinken, war stets eine angenehme Art zu entspannen und die Ruhe wiederzufinden;
  • die Popularität des Kräutertees ist universell: in der Tat ist es dasjenige Getränk, das am zweithäufigsten konsumiert wird auf der Welt!
  • am Institut XSN haben wir zwei Arten von Kräutertee: denjenigen am Morgen und denjenigen am Nachmittag. Wenn man den Tag einteilt, erlaubt dies den Gästen sich vorzustellen wie die Zeit vergeht;
  • die Kräutertees haben verschiedene Farben und Geschmäcker. Es gibt welche, die dem einen gefallen und welche, die dem anderen gefallen. Indem wir von den Kräutertees plaudern, die wir vorbereiten und gemeinsam trinken, treten wir mit den Gästen in Kontakt;
  • im Kurs von Frau Emma Graf, einer Expertin der anthroposophischen Küche, haben wir das Thema der verschiedenen Typen von Kräutertees behandelt und deren günstige Effekte, die sie gemäß ihrer Zusammensetzung auf den Magen, auf die Leber und auf die anderen Körperteile haben können;
  • es ist schön, mit dem Kräutertee den Zyklus der Jahreszeiten einzuteilen;
  • bei Gabe von homöopathischen Medikamenten ist es dem Körper nicht möglich Pfefferminz, Kamille und Salbei aufzunehmen;
  • in einem Kräutertee aus mehreren Kräutern müssen die Bestandteile untereinander homogen sein;
  • die Infusion wird zubereitet, indem die nötige Menge in einen Behälter getan wird (aufgrund seriöser Forschungsergebnisse haben wir am Institut veranlasst, die Methode der Infusion zu ändern, indem wir einen dafür vorgesehenen Filter angeschafft haben, um die Qualität zu verbessern); dieser wird in kochendes Wasser getaucht und für die angebenen Minuten in der Infusion belassen, danach kann sie getrunken werden.

Und während der Geist weiter umherschweift, sind wir bereits am Ende unserer Erzählungen angelangt, die sich der Veränderung gewidmet hatten. Uns bleibt deswegen nichts weiter übrig als Sie zu grüßen und Sie einzuladen...bitte umzublättern!