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Von Nazibräuten und der Zukunft

 

Bei Nazis denke ich oft, dass ihre Intelligenz so weit reicht wie ihr ausgestreckter Krampf- und Kampfarm, nämlich ungeführ einen halben Meter weiter als ihre Nasenspitze. Während sie ihren Arm also in dieser unnatürlichen Stellung weiter aufrechthalten, ist es mit der aufrechten Haltung schnell vorbei: wer den Arm ausstreckt oder auch nur den Unterarm einmal hochklappt, hat sein Rückgrat an einen Mann verloren, der schon kurz vor der Kapitulation Deutschlands verloren war. Schon während des Russlandfeldzugs, der unzählige unschuldige Opfer forderte, so wie es eben in jedem Krieg um Land, Bodenschätze und Rohstoffe ist, ging es bereits mit Hitlers Gesundheit steil bergab. Sein Leibarzt verschrieb ihm immer höhere Dosen seiner nicht ganz ungefährlichen Medikamente, die er eifrig zu schlucken schien: genauso verzweifelt wie sein Glaube an den Endsieg. Er hatte Deutschland in den Abgrund geführt und mit ihm Millionen ziviler und militärischer Opfer zu verantworten, die entweder in der Kriegsindustrie zu Tode gekommen waren, bei Kämpfen, im Widerstand, im Exil oder eben als blinde und zum Teil feige Gehorsamsmarionetten an seiner Seite.

Nur der Marschallplan konnte Deutschland wieder einigermaßen auf die Beine helfen. Inzwischen war das Land so hoch verschuldet, dass es die Reparationszahlungen, die von allen Seiten gefordert wurden, kaum stemmen konnte. Als Bedingung für die großzügigen amerikanischen Zuwendungen wurde Deutschland in die westliche Allianz eingegliedert und ist dort bis heute brav geblieben. Das hat dem Land den Frieden gesichert und dazu einen ungeahnten Wohlstand, der mühsam wieder erarbeitet wurde, u. a. auch von Trümmerfrauen, deren Mythos unlängst eine junge Historikerin zu dekonstruieren versucht hat und damit auf ziemlich taube Ohren stieß. Diese Frauen waren oft auch Überlebende, deren Männer und Söhne an der Front gestorben waren und unter denen nicht wenige Hitler zugejubelt hatten. Doch auch wenn man einmal die ganze geschickte Propagandamaschinerie beiseite läßt, bleiben dennoch viele glühende Hitlerverehrerinnen übrig. Die tapferen Frauen, die nichts von Hitler hielten und sich ihm und seiner Politik widersetzt hatten, blieben leider in der Minderheit.

Hitler hatte seinen Wahlsieg vielen weiblichen Stimmen zu verdanken. Unzählige Frauen schrieben ihm Liebesbriefe, die Historiker bereits ausgewertet haben. Die Identifikation mit einem Mann, einem Führer und einem Rassisten wirkte in all ihrer Projektion vermutlich kathartisch: bekanntlich besitzt jeder Mensch weibliche und männliche Anteile, manche von dem einen mehr und von dem anderen weniger. Und fast jeder Mensch möchte mal in den Genuss kommen, etwas anführen zu dürfen. Schon in Kinderspielen macht sich diese Neigung bemerkbar. Nur ganz wenige sind davor gefeit. In Hitler konnten Frauen ihren Führungsanspruch, ihre Aggressionen, ihren Hass und ihre unbewussten Wünsche ausleben. Seit unter anderem Sigmund Freud analysiert hat, dass im Menschen der Todes-, Lebens- und Liebestrieb gleichzeitig herrscht und alle drei gewissermaßen miteinander um die Oberhand konkurrieren, wissen wir, dass dieser Kampf auch auf anderen Ebenen wirkt: Deutschland und seine Bewohner hatten sich für den Todestrieb entschieden und arbeiteten entschieden darauf hin. Wie diese blindwütige Aggression um sich greifen konnte, andere mit sich riss und schließlich in der Zerstörung vieler Länder resultierte, haben zahlreiche Wissenschaftler analysiert, seziert und anschaulich gemacht: Von Sebastian Haffner bis Ian Kershaw, von Wolfgang Benz bis Götz Aly.

Ich wünschte mir, diese Autoren hätten nicht umsonst gearbeitet, nicht umsonst aufgezeigt, wie dumm, wie ignorant, wie (selbst)zerstörerisch der Nationalsozialismus war und mit ihm heute seine Ablegerideologien sind. Könnten diese Menschen, die diesen absurden Ideen immer noch anhängen, doch verstehen, dass sie sich selbst hassen, wenn sie andere beschuldigen "Schmarotzer", "Parasiten" oder "Volksschädlinge" zu sein - schon allein dieser Jargon zeigt, dass diese Menschen den Evolutionsvorsprung und -vorteil gegenüber niederen Tieren nicht vollzogen haben. Im anderen seine hässliche Seite zu sehen ist eine Spiegelung, die bei vielen dazu führt, die eigene hässliche Seite zu leugnen und sich nicht mit ihr auseinanderzusetzen. Jeder Mensch hat hin und wieder negative Gefühle und Gedanken, projiziert sie auf andere, um sich selbst reinzuwaschen, um sich selbst akzeptieren zu können als liebenswertes Wesen.

Wenn heute über Griechenland gepoltert wird, sollte sich so mancher daran erinnern, wie es Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ging, wie sehr es auf die Hilfe anderer angewiesen war neben all dem Einsatz der eigenen Leute, die mit angepackt hatten. Griechenland fordert heute Reparationszahlungen von den Deutschen wegen der Kriegsschuld, die sie in der Vergangenheit auf sich geladen hatten. Es ist zwar der verzweifelte Versuch spätes Recht einzufordern, jetzt wo den Griechen das Geld ausgegangen ist. Aber er ist berechtigt, denn auch wenn Deutschland glaubt seine Schuldigkeit getan zu haben, steht es immer noch in der Schuld. Dabei geht es nicht um die Kollektivschuldthese, sondern darum, dass Deutschland die stärkste Wirtschaftsmacht Europas ist, das vom Euro profitiert hat wie kaum ein anderes Land. Das Beschwören so mancher Politiker, man habe bereits genug gezahlt, erinnert an den Nachkriegsspruch: "Es muss auch mal Schluss sein!" oder "Man muss auch mal einen Schlussstrich ziehen!" Das hat man in Deutschland nie wirklich getan und statt dessen weiter andere Länder wirtschaftlich abhängig gemacht. Das sieht seine Wirtschaftsordnung nunmal vor und damit ist das alles sogar ganz legal. Aber legitim ist es nicht.

Nur wie genau Griechenland die geforderten 279 Milliarden Euro errechnet hat, bleibt ein Rätsel, und das sagen selbst einige Griechen. Die Wirtschaft ist ein Zyklus bzw. ein Kreislauf. Was an Schulden hineingepumpt wird, kommt in Investitionen und Ausgaben wieder heraus, also auch wieder herein. Wenn nur die richtigen Auflagen gemacht werden, wofür geliehenes Geld zum Beispiel ausgegeben werden darf und wofür nicht, ist es sinnvoll investiert. Wenn die Griechen nun endlich beginnen, diejenigen Reichen, die ihr Kapital und damit auch wertvolle Arbeitskräfte ins Ausland gebracht haben, zu besteuern, kommt das zwar zu spät, um die aktuelle wirtschaftliche Krisenlage wieder ins Lot zu bringen. Aber es könnte wenigstens verhindern, dass das Unrechtsbewusstsein weiter wächst. Kein Deutscher, dem man erklärt, dass man ihm Geld wegnimmt, sieht ein, dass er den Gürtel enger schnallen muss, während in Griechenland Geld für sinnlosen Luxus oder zu hohe Gehälter gezahlt wird. Dass die Hellenen als die europäischen Erfinder der Demokratie den Gedanken der Volksbeteiligung einmal so pervertieren würden, hätten sich vermutlich auch die Vertreter der Syriza-Partei in ihren kühnsten Träumen nicht ausmalen können. Dass die Griechen laut Statistik in Europa mit die meisten Arbeitsstunden pro Jahr aufweisen, ehrt sie als fleißige Bürger, und vielleicht rechtfertigt das dann auch höhere Gehälter auf bestimmten Ebenen. Insgesamt jedoch musste das Land hohe Einbußen in den Löhnen hinnehmen und weist eine der höchsten Arbeitslosenzahlen in Europa auf. Auch die Selbstmordrate soll in die Höhe geschnellt sein seit den letzten wirtschaftlichen Entwicklungen. Von außen wird das vorrangig der Austeritätspolitik Angela Merkels angelastet, die so tut als sei alles paletti. Sie sagt sie will nicht in Einflusssphären denken, aber letztlich tut sie genau das und wird durch ihre eigenen Worte immer unglaubwürdiger.

Die Demokratie ist eine der schlechtesten Regierungsformen, weil sie nur das kleinste Übel in all den Herrschaftsformen darstellt, die sich die Menschen ausgedacht haben. Ich ziehe sie solange vor, bis nicht erwiesen ist, dass Diktaturen, Monarchien, Oligarchien und Monopoly-Spielarten durch etwas besseres ersetzt werden können. Den Sozialismus wünscht sich sicherlich keiner herbei, der noch bei Trost ist, ob nun von links oder von rechts, denn die Geschichte hat gezeigt, dass er von beiden Seiten in die Sackgasse geführt hat. Während die Nazis die Idee des Volkes für ihre rassistischen und weltherrschaftlichen Zwecke missbraucht haben, haben Sozialisten, was die Nazis allein schon dem Namen nach auch waren und sind (nationale Sozialisten eben) - nämlich als Vertreter der Idee der "Volksgemeinschaft" - , nichts anderes getan. Gleichzeitig genießen sie genauso alle Vorzüge einer Marktwirtschaft, angefangen vom freien Reiseverkehr bis zum übrigen Konsumverhalten. Der Antisemitismus, ob nun von rechts oder von links, entstand aus der Idee, dass die Juden Christus ans Kreuz geschlagen haben und dafür büßen müssen. Während es viele jüdische Kaufleute waren, die Zinsen für Kredite genommen haben - und genau diese Praxis hatte Jesus ja kritisiert - , hat sich diese Form des Wirtschaftens im Kapitalismus immer weiter durchgesetzt. Die Kritik daran hat den Antisemitismus hervorgebracht. Deswegen ist mindestens verkürzt wenn nicht sogar verlogen, wenn die Linken für sich in Anspruch nehmen die besseren Menschen oder Idealisten zu sein. Griechenland und damit die europäische Idee kann nur überleben, wenn man aufhört, diese Ideologien immer wieder ins Feld zu führen. Gesunde Pragmatiker bräuchte es in dieser Stunde und keine Politiker, die einen Stinkefinger zum Politikum erheben und damit mal wieder den Medien auf den Leim gehen, auch wenn aus selbigem genau die Arroganz spricht, die die Gegenseite, die für sich in Anspruch nimmt geschröpft zu werden, von sich weist.