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"Verstehen Sie Spaß?" - eine Medienkritik im heutigen Angesicht von Rechtsaußen

 

Wie haben deutsche Fernsehmacher es eigentlich beim Medienrat und bei Intendanten durchkriegen können, was ich vor etwa zehn Jahren angewidert auf meinem damals sehr kleinen Bildschirm verfolgt habe? Sie haben medialen Rassismus so inszenieren dürfen, dass zeitkritische Fernsehzuschauer und historisch gebildete Menschen ein neues Auschwitz und die Wiederkunft der ohnehin nie totgeglaubten Nazis kommen sehen konnten. Die ARD strahlte eine ihrer auf den ersten Blick harmlos wirkenden und doch nur ulkig gemeinten Parodiesendungen aus, und zwar unter dem sarkastischen Titel "Verstehen Sie Spaß?". Damit sollte der Zuschauer wohl eher an Kurt Felix´ und Paolas versteckte Kamera denken, die die in Deutschland so weit verbreitete Schadenfreude einst zum medialen Ereignis für die Familiencouch gemacht hatte. Es wurden Prominente vorgeführt, die sich offensichtlich für Geld hergegeben hatten und ahnungslos und artig zugleich in die Kameras Sätze sagten wie: "Dann habe ich doch angefangen Fragen zu stellen." oder "Man muss die Leute auch mal zusammenscheißen dürfen."

Katharina Witt wurde als Abgesandte Deutschlands zum Scheich von Arabien geschickt, und durfte dort Lobpreisungen über das seidene Haar Kleopatras entgegennehmen. Der ägyptischen Herrscherin wurde es ja bekanntlich nicht abgeschnitten, soweit wir das historisch überhaupt rekonstruieren können. FAZ-Redakteur Frank Schirrmacher wurde kurzerhand zum "Schirmmacher", und erhielt einen Zuschaueranruf mit der Bemerkung: "Wir kennen die Jugend, wir haben sie alle überlebt." Hätte es statt "Jugend" auch "Juden" sein können? Das alles geht problemlos "über den Sender". Würde es über den Jordan gehen, würde man tatsächlich anfangen noch mehr Fragen zu stellen und den Intendanten der ARD bzw. den Machern der Sendung wurden sie auch sicherlich gestellt. Denn Frank Elstner schließt an: "Zwei Milliarden Menschen hauen ab nach Asien, und wer weiß ob sie überhaupt noch zurückkommen." Die Zahl "sechs Millionen" darf auch noch einmal fallen und schon sinniert man über Eissporthallen, und darüber, dass bis zum Winter alles technisch möglich sein könnte. Kombiniere: Eis statt Gas also, kommt es dem Zuschauer in den Sinn. Prompt verteilt Isabell Varell in der Fußgängerzone Softeis, leckt es genüsslich ab und streckt es einer ahnungslosen Passantin hin, die angewidert ablehnt. Der darauffolgende Applaus im ZDF-Sportstudio erinnert an Josef Goebbels Publikumserfolg anlässlich seiner Rede: "Wollt ihr den totalen Krieg?"

Das ZDF schließt - in der Perspektive des kritischen Zuschauers - also noch am gleichen Tag an in der Kontinuität des "Tausendjährigen Reiches" und lässt einen ihrer Moderatoren vom "verlängerten Arm" sprechen. Hitlergrüsse sind nicht zu erkennen, aber vielleicht übersieht man sie auch nur. Die Anwesenden scheinen es bei verbalen Andeutungen zu belassen. Mannschaftsspielerinnen pflichten bei, als der Moderator Steinhauer bemerkt, "diesen Ruf des ewigen Zweiten loszusein." Eine "großartige Stürmerin" darf hinzufügen: "Ich fand den Jubel schön." Na, "dann können Sie ja richtig Gas geben.", tönt es aus dem Mikrofon. Der Trainer fügt hinzu ihm scheine, dass "wir auf den deutschen Meister zustreben." Von verstehenden Interviews kann kaum die Rede sein: alles wirkt inszeniert und scheint wie abgesprochen in der Ignoranz der eigenen historischen Verantwortung bzw. eingefangen in laufenden Kameras, die normale Deutsche beim Sporteln, Zuschauen und Fansein zeigen. Oder man bildet sich das alles nur ein, denn man glaubt kaum, was man da hört und sieht. Wer sich mit der Geschichte Nazi-Deutschlands und dem Zweiten Weltkrieg auch nur etwas beschäftigt hat, kann die Sportberichterstattung und was dabei an dumpfem Unsinn gesagt und gesendet wird, kaum ertragen. Ein junger deutscher Skifahrer bemerkte übrigens kürzlich während der letzten Olympischen Winterspiele: "Die Sieger schreiben die Geschichte!" Welcher geschichtsvergessene Lehrer da wohl am Werk gewesen war, der davor kapituliert hat, jungen Menschen Geschichte von unten beizubringen statt dem eigenen Wir-Gefühl und nationalen Größenwahn den Vorzug zu geben? Aber vielleicht war dieser Sportler auch einfach nur ein dummer kleiner Junge, der sich in der Größe einer Nation sonnen wollte.

Das deutsche Fernsehen und mit ihm seine Sportler und Moderatoren taumelten offensichtlich schon immer in einem Nationalrausch, und tun damit nichts anderes als andere Länder auch - täglich nachzuvollziehen, ob nun im Fußball oder bei anderen Mannschafts- aber auch Einzelsportarten. Und das Volk darf sich zu Tode amüsieren, wenn es dabei denn wirklich lachen oder schmunzeln kann. Ich kann es nicht, auch wenn ich mich im Sommer tatsächlich gefreut hatte, dass Deutschland Fußballweltmeister geworden war. Denn ich weiß leider, dass schon die Nazis die Bedeutung des Sports in der Tradition von Turnvater Jahn, selbst eher ein Liberaler statt echter Vorläufer der Nazis, erkannt hatten. Die Olympischen Spiele holten sie daher einst nach Berlin und Leni Riefenstahl durfte filmisch und ideologisch mit in Szene zu setzen helfen, was ein gedemütigtes Volk dazu veranlasst hatte, in seinem Namen Millionen von Menschen umbringen zu lassen. Eine Vergangenheit, die nicht vergehen will, und die das Fernsehen mit ihren bezahlten Marionetten betont ironisch, fast schon demonstrativ ahnungslos und daher unverantwortlich mit solchen Sendungen präsent gehalten hat. Das Ergebnis dieser Medienpolitik sehen wir heute wieder im Aufleben und Erstarken der Parolen und Aktivitäten rechter Schläger, Chaoten und Wortführer, die ja, man könnte sagen, "nur ferngesehen haben" und dabei leider nie die adäquate Erziehung genossen zu haben scheinen, die - auch - dem Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Medien zugekommen wäre. Diese Lücke haben daher andere kommerzielle Sender gekonnt zu nutzen gewusst.

 

geschrieben von Devrim Karahasan (2004)                     Dieser Essay wurde am 2. März 2015 aktualisiert.