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Unter Freunden

 

Klar, unter Freunden kommt es auch mal zu Unstimmigkeiten oder gar Streitigkeiten. Der Volksmund sagt zum Beispiel: "Beim Geld hört die Freundschaft auf!" Dabei geht es im Verhältnis zwischen Deutschland und den USA gar nicht ums liebe Geld. Es geht darum, dass die USA in ihrem Kontrollwahn alle möglichen Politiker und Bürger bis hin zu Angela Merkel selbst ausgespäht und abgehört haben und das auf ihrer eigenen legalen Basis des kürzlich ausgelaufenen "Patriot Act". Um deutsche Gesetze und Befindlichkeiten haben sich die Amerikaner dabei nicht geschert, so wie sie es nie tun, wenn es um "andere Länder, andere Sitten" geht.

Die Amis verfügen schon über eine Hybris, die einen mehr als stutzig macht. Ist das tatsächlich ihr Verständnis von Freundschaft? Darf man Freunden vorschreiben, welche Sicherheitsstandards zu gelten haben? Muss man sich von anderen sagen lassen, was gut für einen und den Rest der Welt ist? Muss man nicht. Daher verwundert, dass das Ausmaß dieses Skandals gar nicht so weit verstanden wurde, dass über Rücktrittsforderungen nachgedacht wird. Was wußten die Kanzlerin, ihre Minister und ihre Berater zu welchem Zeitpunkt und in welchem Maße haben sie das Volk belogen bzw. ihm verschwiegen, was vor sich ging?

In Freundschaften möchte man sich gerne gutgemeinten Rat anhören, wenn er aufrichtig und erforderlich ist. Aber die Amerikaner haben gar keine Ratschläge oder Vorschläge gemacht. Sie haben sich mal wieder über alle und alles hinweggesetzt, was andere Länder als Standards für sich selbst aufgestellt haben. Bei TTIP ist es ähnlich: auch hiermit versuchen die USA ihre Prinzipien und Vorstellungen durchzusetzen. Man könnte ja sogar noch nachvollziehen, dass man einheitliche Handelsstandards anstrebt, aber warum dann nicht gleich die besseren und nachhaltigeren? Mittlerweile ist das Bewusstsein über Gesundheitsnormen, Sicherheitsvorkehrungen und Ethik soweit fortgeschritten, dass es ein Einfaches wäre, diese auch gegenüber dem Volk durch- und umzusetzen. Viele Organisationen arbeiten schon unermüdlich daran genau das zu tun und zum Beispiel Firmen juristisch zur Verantwortung zu ziehen, die ihren Konsumenten etwas vorgaukeln oder einfach deren Unversehrtheit nicht zu einem ihrer obersten Ziele machen, sondern nur den Profit und das schnelle Geld.

In was für einer Welt wollen wir leben? Niemals sonst wurde diese Frage so deutlich ausgesprochen und bearbeitet wie heutzutage mit den gestiegenen Mitteln der Informationsbeschaffung und -verbreitung. Viele Firmen wären schnell am Ende, wenn einflussreiche Netzwerke und social media nicht alles mitmachen würden, was nur genügend Geld einzubringen verspricht. Dabei haben viele längst begriffen, dass Wohlstand mehr ist als fettes Geld auf dem Konto zu horten oder in Immobilien und ähnliches zu investieren. Zum Wohlstand, also auch zum Wohlfühlen, gehören gute Lebensstandards und echte Chancen für möglichst viele, wenn nicht alle. Wenn man sich vor diesem Hintergrund klarmacht, dass bald 1% der Weltbevölkerung 99% des Reichtums in der Welt besitzen werden, wird einem Angst und bange. Wie soll diese Welt mit diesem Umstand auf sicheren Füßen stehen? Wie sollen da nicht Kriminalität, Gewalt und Unrechtsbewusstsein steigen? Das wissen auch die Amerikaner. Aber sie tun so als sei das schicksalhaft und nicht etwa politisch. Nicht allein die Kunst des Machbaren und die Einigung auf gemeinsame Werte und Standards sollte Gegenstand der Politik sein, sondern das Wünschbare, Erforderliche und Nachhaltige.

 

geschrieben am 11. Juni 2015