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Wirtschaftswunder

 

Erdogan ist Trumpf. So denken viele Türken und vor allem die Anhänger des despotisch regierenden Staatsmannes. Durch sein Charisma schafft er es spielend leicht, fast jeden glauben zu machen, das Wirtschaftswunder läge einzig und allein an der göttlichen Gestaltungskraft seiner AKP. Dass es oft genug aber andere ganz normal ihrer Arbeit nachgehenden Menschen sind, darunter viele, die sich gar keiner Religion zugehörig fühlen, die zum türkischen Wirtschaftswunder beigetragen haben (dabei gibt es offiziell aber dennoch sieben Millionen Arbeitslose im Land), verschweigt Erdogan gerne. Denn wer nicht in sein Konzept der religiösen Umgestaltung passt, wird mundtot gemacht oder gleich ins Exil verbannt. Auch die vielen Korruptionsfälle kehrt er lieber unter den Teppich statt die kriminell gewordenen Mittäter, außer natürlich sie gehören oder gehörten vermeintlich oder tatsächlich der Gülen-Bewegung an, beim Namen zu nennen. Dabei ist die Verquickung dieser Bewegung mit der AKP selbst so groß, dass Erdogan sich und den Seinen ganz schön was vormacht.

Wo die Millionen, die die EU und vor allem Deutschland ursprünglich dafür bereit gestellt hatten, um die Flüchtlingsbewegungen in gelenkte Bahnen zu überführen, genau landen, wissen nur diejenigen, denen die Verwaltung und Vergabe der Gelder in der Türkei obliegt. Klar ist, dass die Türkei zumindest so tut als sei sie die rettende Macht, die bereitwillig Millionen von Flüchtlingen ernährt und unterhält. Doch zeitgleich werden viele Syrer zum Beispiel zu Schwarzarbeitern, weil die türkische Regierung nur langsam handelt und umsetzt, was von ihr verlangt wurde. Denn schließlich will sie ihren Stolz demonstrieren und nicht etwa als der Lakai Europas gelten. Der kranke Mann am Bosporus will seine Ehre bewahren. In die eigene Tasche zu wirtschaften ist selbstverständlich keine Eigenart der Türken allein. Korruption gibt es allerorts und sie zu bekämpfen gehört zu den obersten Prinzipien rechtschaffener Menschen. Doch große Teile der auch wohlhabenden Bevölkerung sehen mit eifersüchtigen Argusaugen auf die mancherorts um sich greifende Privilegierung mancher Flüchtlinge, die rasant schnell an Vergünstigungen und Arbeitserleichterungen kommen. So als sei das alles vom Himmel gefallen, tut Erdogan gerne so, als habe nur er alles in der Hand und sei derjenige, dem die Lorbeeren gebühren. Dass dem nicht so ist, wissen nur die Skeptischen, seine Kritiker und manche, die sich noch ganz ungläubig die Augen reiben. Der muslimische Superstaat soll den Ton angeben und daran sollen sich alle gewöhnen.

Damit die Türkei ein lazistischer Staat bleiben kann, bedarf es noch vieler Kraftanstrengungen. Als Mustafa Kemal Atatürk von "Frieden im Vaterland und Frieden in der ganzen Welt" sprach, meinte er, dass sein Land eine Vorreiterrolle bei den weltweiten Friedensbemühungen spielen sollte. Das hat die Türkei dank Atatürks staatsmännischer Künste und seines Feingefühls für die weltpolitische Lage auch stets zu tun versucht, auch wenn dabei viele Bevölkerungsgruppen außer Acht gelassen wurden oder gerade wegen imperialistischer Auflagen gar nicht gerecht behandelt werden konnten. Der Friedensvertrag von Lausanne, der nach dem Ersten Weltkrieg in Kraft trat, - das verkennen Erdogan und seine Anhänger gerne - hat erst den Boden dafür bereitet, dass es die Türkei als einen Staat mit eigenem Territorium überhaupt gibt. Viele nicht-türkische Bevölkerungsgruppen, von den eigenen Verlusten ganz zu schweigen, wurden entweder verschleppt oder ermordet oder wie heute noch in den Kurdengebieten zu beobachten ist, in Geiselhaft genommen und - von beiden Seiten, sowohl vom Staat als auch von der Terrororganisation PKK - erpresst. Dass daraus ein Terrain erwachsen ist, auf dem die Kurden mit Engländern, Franzosen, Amerikanern, Russen und anderen zumindest kriegerisch und vermutlich auch längst wirtschaftlich kooperieren, ist eine Wahrheit, der nur wenige in der Türkei ins Auge sehen möchten, weil sie das höchste Prinzip dieses stolzen Landes verletzt sehen: seine Unteilbarkeit. Diese Unteilbarkeit aber hat Erdogan längst zur Disposition gestellt, indem er alle möglichen Wirtschaftsbereiche privatisiert und in fremde Hände wie die von Russen, Chinesen, Saudis und anderen zu überführen geholfen hat. Sicherlich, Migration hat es schon immer gegeben, aber die Ausmaße wie wir sie heute erleben, sind für die Moderne absolut neu. Und diese Migration ist es in Teilen auch, die die Unteilbarkeit vieler anderer Staaten gleich im Gefolge mit bedroht. Man denke nur an die vehement geführten Debatten um die EU-Außengrenzen, damit die Nationalstaaten im Inneren nicht plötzlich wie in einem Dominospiel auch noch auseinanderfallen. Oder an die in Deutschland endlich als rechtsextrem eingestuften "Reichsbürger". Es klingt einerseits sehr romantisch, Menschen auf Wanderschaft zu schicken. Doch andererseits sind die Geschichten, die sie erzählen, wenn sie es noch können, so tragisch und verzweifelt, dass es herzzerreißend ist. Und genau damit werden überall, nicht nur in der Türkei, immense Geschäfte gemacht.

Die Politik, die in der Türkei noch immer betrieben wird, dient dem Frieden nur bedingt. Genauer: Sie dient aus langfristiger Sicht weder dem inneren noch dem äußeren Frieden. Und damit ist nach den Atatürkschen Prinzipien zu urteilen, Recep Tayyip Erdogan ein Landesverräter (hierzulande wird selbiges auch Angela Merkel vorgeworfen, weil sie die Interessen Deutschlands nicht hinreichend schütze). Natürlich wird Erdogan nicht müde, andere dieser schweren Schuld zu bezichtigen, denn er steht zwischen allen Fronten. Damit steht auch die gesamte Türkei zwischen allen Fronten, und eine gefährlichere Situation oder Position kann es für ein Land kaum geben. Von der einen Seite zerren der Iran, der Irak, Syrien, Katar, Saudi-Arabien und andere Golfstaaten an seiner längst verwaschenen Weste (von den USA und den Russen ganz zu schweigen), auf der anderen Seite winkt die EU mit der Mitgliedschaft, so als sei diese überhaupt noch eine ernstzunehmende Option. Zumindest ist sie das solange nicht wie die Türkei sich andere Möglichkeiten offenhält und sich emsig um die muslimische Vorherrschaft bemüht. Schlau wie sie ist hält sich auch die EU selbst stets viele Optionen offen und kommt über den Vorschlag, der Türkei eine privilegierte Partnerschaft vorzuschlagen, nicht hinaus. Assoziiertes Mitglied ist sie ja schon, damit gesichert bleibt, dass es überhaupt Handelsbeziehungen geben kann. Und so scheint der Frieden, wo man auch hinschaut, immer noch in weiter Ferne. Es wäre schön, wenn die Bevölkerung der Türkei statt sich unkritisch den Fernsehsendungen hinzugeben, die ihnen vom Konsumrausch und den intriganten Welten der Soap Operas erzählen, endlich mal aus ihrem Trance-Zustand erwachen würde. In Sicht ist das allerdings nicht.