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Die Proteste gehen weiter. Eine Zwischenbilanz des Unistreiks

 

Bewußtsein beginnt im Kopf*


 

Jeder Protest in diesem Land muß, so scheint es, den Vergleich mit der 68er Bewegung aushalten: Nicht be­tretene, da abgesperrte Wiesen werden dabei zum Maßstab erhoben. Sel­ten jedoch macht man sich die Mühe, das Bild des verklärten Vorgängerprotests jenseits von Mythen­bildung zurecht zu rücken. Wie universell war diese an­tiautoritäre Bewegung eigentlich, die die „Weltrevo­lution" und nicht, wie es heute gerne heißt, die eigene materielle Zukunft im Auge hatte?

Wer die Proteste der letzten Wochen mitverfolgt hat, dem dürfte aufgefallen sein, daß hier Studierende ihr begrenztes universitäres Umfeld verlassen haben. Die Studentenproteste wollen nicht allein auf den Geldmangel der Universitäten aufmerksam machen. Denn die Universität trägt trotz bequemer Elfenbeinturm-Mentalität Verantwortung und beansprucht Rele­vanz. Kein Studierender kann daher heute noch an der Mär festhalten, er gehe allein für die eigenen Interessen und den gutbezahlten Posten auf die Straße, während gleichzeitig die Aussicht auf eine sorgenfreie Zu­kunft zunehmend fragwürdiger wird.

Statt also Vergleiche mit denjenigen zu ziehen, die heute noch an ihrem Selbstbild feilen, würde es sich lohnen, sachlicher darüber zu diskutieren, wie die Qua­lität von Lehre und Forschung verbessert werden kann und wie man eine Universität gestaltet, ohne in alte Muster zurückzufallen. Zur Qualität von Lehre und Forschung gehört neben angemessener finanzieller Ausstattung und ausreichend Personal (was sich gegenseitig bedingt) auch demokratische Mitbe­stimmung in den Gremien, die die Studierenden aus der überkommenen Rolle der reinen Konsumenten von Bildung und Erziehung entlässt. Ein rein effizientes und „output-orientiertes" Management gemäß der geplanten No­velle des Hochschulrahmengesetzes hätte dagegen zur Folge, daß die Machtverhältnisse an den Universitäten stärker zugunsten der Professorenschaft ausgestaltet würden und man sich mal wieder den Gesetzen des Marktes beugt.

 

Der Unterschied zwischen dem Protest der 68er und dem der 98er besteht unter anderem darin, daß zumindest in den Statistiken heute eine höhere Akademikerarbeitslosigkeit beschworen wird, die für viele durch Zeitverträge, Überqualifizierung und das dadurch entstehende Mißtrauen tatsächlich oft genug eine allgegenwärtig drohende Realität ist - damals spielte dieser Faktor kaum eine Rolle: es gab keine "Recruiter", keine ausgefeilten Statistikprogramme und viel weniger Internet, das die Geschicke der Welt bestimmte. Wem hätte es da schwerfallen können, Träume und Utopien in den Vordergrund zu stellen? Dem 98er Streik geht es um die Veränderungswürdigkeit einer Universität, die sinnvoller Reformen bedarf, wenn sie in die Zukunft eines stark wandlungsfähigen Arbeitsmarktes hinüber gerettet werden will. Dabei wurde auch über die Abschaffung des Beamtentums an den Hochschulen nachgedacht, das ein altes Relikt aus preußischen Zeiten darstellt. Es hat die obrigkeitlichen und feudalen Strukturen innerhalb der Alma Mater, die eine alimentierende, also nährende Mutter für ihre Zöglinge sein soll, verfestigt und dazu geführt, daß viele Lehrstühle wie kleine König- oder Fürstentümer verwaltet wurden. Allzu oft läßt diese Mutter ihre Nachkommen aber geistig und finanziell verhungern. Der Realitätsverlust so mancher Professoren, die sich manchmal unsinnigerweise nicht nur mit den Inhalten ihres Lehrstoffes zu identifizieren beginnen, sondern auch ihre Privilegien nach gusto auszulegen versuchen, treibt dabei wilde Blüten: von ungelesenen Hausarbeiten durch die Überlast durch gleichzeitige Forschung und Lehre bis hin zu Liebesaffären mit abhängig Beschäftigten oder zu anderen Studierenden, die immerhin nach ihrem Wissen und ihrer Schreib-, Analyse- und Argumentationsfreude benotet und behandelt werden sollten, und nicht etwa nach der Erfüllung sexueller Wünsche oder Phantasien oder danach wie sie dem Professor oder der Professorin möglichst ungefährlich sein können. Diejenigen, die dabei von Mafia sprechen, liegen bestimmt nicht falsch.

 

Wie diese Reformen aussehen könnten, darüber wurde hitzig diskutiert und gestritten, aber viel phantasievoller als es sich mancher Ideologe oder Mafiosi vorstellen kann. Dabei ging es auch längst nicht mehr um eine pauschale Ablehnung aller bisher gemachten Vorschläge oder um Schlagworte wie „Bildung für alle", die durch die Präsenz von Stadtbibliotheken, Zugang zu Medien und allen möglichen Schulformen ohnehin gegeben ist. Wobei wie so oft, die Geldbörse mitbestimmt, wie gut diese Bildung ist. Die Diskussio­nen sollten jedoch weiter nach außen getragen wer­den, um die entsprechenden Politiker an ihre Verantwortung zu erin­nern und diese auch einzufordern. Dabei wäre es falsch, der Illusion zu erliegen, die Verantwor­tung von Politikern sei endlich einmal etwas, an das man vernünftigerweise und mit Hoffnung auf schnellen Erfolg appellie­ren könnte.

 

Der Erfolg der Proteste liegt schon jetzt darin, daß wieder viele ihren engen Radius verlassen haben und zum Nachdenken und Mitreden bewegt werden konnten. Die gegenwärtige Umar­mungstaktik so mancher Minister würde jedoch auf verhäng­nisvolle Weise aufgehen, wenn die Proteste jetzt aufhören. Es gilt nicht nur, den Forderungen Kontur zu verleihen und genauer zu formulieren, was eigentlich erreicht werden soll. Es geht auch darum, daß eine weitgehend entpolitisierte Öffentlichkeit, die sich lieber ins private Schneckenhaus zurückzieht, 30 Jahre nach den 68ern und 15 langen Jahren Kohl-Regie­rung wieder mehr im Sinne guter Bildung, die ihren Namen verdient, zu tun bereit ist. Es stimmt ja: Nicht die „Weltrevolution", die Leo Trotzki und Rosa Luxemburg wollten, wird hier ins Auge gefasst, auch wenn der Euphemismus der „Globalisierung" aus dem Wörterbuch der Ersten Welt stammt, die die sogenannte Dritte Welt zu verdrängen versucht hat. Der Bumerang ist naturgemäß zurückgeflogen und nun fliegt der ganze Laden allen um die Ohren. War es das was Alexander von Humboldt oder die ersten Philosophen wollten, als sie unermüdlich forschten und dachten, um die Menschheit ein Stückchen weiter nach vorne zu bringen?

 

Bewußtsein beginnt im Kopf und setzt sich dann in Bewegung, ob nun auf der Straße, in der Bibliothek oder beim Schreiben. Außerdem fängt alles mal klein an.

 

                                                                                                                  

Devrim Karahasan

   Studentin der Geschichte, Politik und Soziologie an der Ruhr-Univer­sität Bochum, 12. Semester (1997)  

  

   Dieser Artikel wurde am 21. Februar 2015 aktualisiert.

 

*Als Kommentar im Dezember 1997 in der "taz" Berlin veröffentlicht und hier in überarbeiteter Fassung der Autorin.