Deutsch (DE-CH-AT)   English (United Kingdom)   Türkçe(Tr)   Français(Fr)   Italiano(Italy)

 

Sarrazin lebt

 

Der Mann ohne Piratenaugenklappe ist immer noch in Aktion. Unter Sandra Maischbergers geladenen Gästen wurde Thilo Sarrazin gestern wieder eine heimelige Plattform geboten. Dort saß er fast zu eng auf demselben Sofa mit einem seiner größten Kritiker, Albrecht von Lucke. Dass dieser denselben Nachnamen tragen muss wie ein anderer bekannter Professor, der den Euro als Teuro verteufelt und damit manchmal sogar richtig liegt, ist nun mal die Ironie unserer Geschichte. Verwechslungen kommen häufiger vor als uns allen manchmal lieb ist. Daher sind Genauigkeit und Präzision ja auch so wichtig. Der Mann mit dem Adelszusatz konnte sehr im Gegensatz zu seinem Namensvetter Bernd Lucke überzeugend die Kritik an den Populisten, Rechtstendenziösen und eben auch handfesten Rechtsradikalen auf den Punkt bringen. Er hielt vehement und emotional der Berliner Landesvorsitzenden der AfD, Béatrice von Storch (huch, schon wieder Adel !), vor, dass es einen kleinen, aber feinen Unterschied zwischen "Islam" und "politischem Islam" gibt. Dass das aber so nicht im Parteiprogramm ihrer AfD steht, hat mit an große Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit mal wieder System. Hätte man diese Unterscheidung schon viel früher, auch im deutschen Fernsehen und auf den Talkshowplattformen deutlicher gemacht, hätten wir hierzulande vielleicht weniger Verwirrung und Naivität unter so manchen Zeitgenossen, die sich von diesen Themen verdrisslich abgewandt haben.

Eine Religionsgemeinschaft beansprucht qua ihres Glaubens in der Regel keinen politischen Raum, außer vielleicht den, dass sie ganz natürlich wie jede andere auch auf dem Boden eines politischen Gemeinwesens lebt. Und das ist überall so, nicht nur in Deutschland. Insofern war es eine sehr richtige Beobachtung zu sagen: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland." Aber: "Die Muslime gehören zu Deutschland". So wie katholische und protestantische Christen, Jesiden, Zeugen Jehovas, Kopten, Griechisch-Orthodoxe, Bahai, Aramäer, usw. Wenn man bedenkt, dass der Islam eine Weltreligion ist, genauso wie der Buddhismus oder das Christentum, würde gelten, dass er zu vielen Ländern gehört, u. a. also auch zu Deutschland. Insofern wäre der Satz dann wieder richtig, aber unvollständig. Angesichts der Horrorszenarien, die in seinem Namen inszeniert werden, kann man also gut verstehen, dass viele Menschen Angst vor ihm haben oder bekommen haben. Und adäquat war auch die Feststellung, dass die politische Ausprägung des Islam einen Machtanspruch verfolgt. Man muss nicht immer sofort die von den USA und anderen Mächten hochgezüchteten Al Kaidas, ISIS und all ihre Ableger bemühen, um diese Wahrheit zu verdeutlichen.

Elmar Brok ist ein starker Europapolitiker. Insofern konnte man dankbar sein, dass er mit in der Runde saß, in der Professor Albrecht von Lucke zum Glück auch darauf aufmerksam gemacht hat, dass wie schon so oft in der Weltgeschichte die Sicherheit und Zukunft Europas auf dem Spiel steht und sich damit auf andere Regionen unheilvoll auswirkt. Die AfD interessiert sich immer nur solange für diese Fragen, wie sie Brüssel, die Ausländer und die Muslime dafür verantwortlich machen kann und bietet nichts anderes als nationalistische und ethnozentrische Lösungen. Muslime leben in Europa aber wahrscheinlich genauso gerne, und haben das auch immer schon getan, wie viele andere Religiöse bzw. Gläubige auch. Woran man viele Muslime aber in der Tat erinnern darf, ist, dass sie sich mit ihrer Religion kritischer als bislang auseinandersetzen sollten, denn seine Doppeldeutigkeiten haben Tür und Tor für Extremisten und Fanatiker geöffnet wie man sie selten erlebt hat, zuletzt wahrscheinlich zu Zeiten des Deutschen Ritterordens. Dass damals schon Krieg "von deutschem Boden" ausging hat ja auch die deutsche Waffenlobby noch nie wirklich moralisch interessiert, deren Vertreter sich auch mal fragen könnten, welches doppelte Spiel und welche "Aufbauarbeit" sie da im Sinne neuer Investitionen unterstützen.

Gut, dass auch Gregor Gysi mit seinem argumentativen Talent mit dabei war, denn er konnte ebenfalls sehr gut auf die Gefahren, die von der AfD ausgehen, aufmerksam machen und tut dies auch schon sehr lange. Von daher kann man froh sein, dass Frauke Petry sich offensichtlich hat überzeugen lassen, einen weiteren Rechtsruck ihrer Partei nicht mehr mitzutragen. Wenn die AfD sich in der Mitte positioniert, könnte sie sogar eine Bereicherung werden und viele Korrektive initiieren helfen, an denen es so oft mangelt im ideologischen Gezänk der Altvorderen.

Im Islam gilt ein wichtiger Grundsatz: Gott hat den Menschen die Intelligenz gegeben, damit sie sie benutzen. Ein großer türkischer Satiriker und Schriftsteller stand einmal vor Gericht, weil er soweit gegangen war zu sagen, dass 60% der Türken dumm seien. Der vorsitzende Richter korrigierte ihn sogar und sagte es seien 80%. Wenn man diese Rechnung aufmacht, könnte man sagen, dass sich vielleicht nur 20% aller traditionell dem Islam zugehörigen Menschen kritisch mit ihrer Religion beschäftigt haben. Selbstverständlich sind Türken nicht dümmer oder intelligenter als andere. Aber die Selbstironie macht schon deutlich, dass gegen Dummheit kaum ein Kraut gewachsen ist. Die AfD sagt im Kern vielleicht schon so manches Richtige, aber sie bietet wenig an, das wirklich nach vorne bringt, wenn Menschen friedlich gemeinsam leben und sich kennenlernen wollen. Zum Beispiel findet sie viele Befürworter allein schon durch die Forderung, dass niemand die Scharia durchgesetzt sehen möchte oder viele eben die Gleichstellung von Mann und Frau wünschen. Gekonnt füllt die AfD auch so manche Lücke, wenn es um Krisenverlierer geht, die eben nicht auf die richtigen Aktien, Fonds oder Staatsanleihen gesetzt haben.

Auf den ersten Blick merkwürdig hingegen wirkte die Aussage von Storchs, Papst Franziskus sei ein Staatsbediensteter, denn er würde ja von Steuern leben. Sind dann alle Hartz-IV-Bezieher in Frau Storchs Logik ebenfalls Staatsbedienstete? Nur in gewisser Weise hat sie recht: der Vatikan ist ein Staat, dem jeder gewählte Papst vorsteht. Und Kirche und Staat gingen historisch gesehen schon immer sehr stark Hand in Hand. Das mag manchem als dumme Äußerung aufgestoßen sein, was sie im Kern aber so gesehen nicht war. Von Storch hat aber unrecht, wenn sie daraus ableitet, dass die Menschlichkeit, die ein Papst mit höchsten Weihen einfordert, nicht gelten soll, wenn es um Andersgläubige, -lebende und -denkende geht. Das ist genau die Crux der Widersprüchlichkeiten ihrer Partei, die unter anderem so heftig zur Debatte stehen. Indem nur aufgegriffen wird, was den Islam angeblich und oft auch tatsächlich so gefährlich macht, entsteht ein schiefes Bild von Menschen, die genauso an die Werte der Menschlichkeit und Toleranz glauben wie überzeugte Christen.

Die gestrige Diskussion hat einmal mehr gezeigt, dass wir am Anfang einer Revolution der Aufklärung stehen (und viele dachten, die Aufklärung der Menschen hätten wir in der gleichnamigen Epoche schon längst abgeschlossen!). Und damit sind die Muslime nicht allein. Auch Herr Sarrazin könnte ja mal darüber nachdenken, was es bedeutet "wissenschaftlich" und nicht populistisch, nationalistisch oder ethnozentristisch zu denken. Er würde zu ganz neuen Ableitungen kommen und andere Erkenntnisse gewinnen. An erste Stelle hat er aber das Geldverdienen gestellt, was in einer monetären Gesellschaft ja auch ganz normal sein mag. Ganz öffentlichkeitswirksam hatte er einmal verlauten lassen, dass er ausgesorgt habe. Und wenn es nun auch wieder nur darum geht, wer welchen lukrativen Posten in der AfD-Partei zugeschustert bekommt, dann Gnade uns Gott vor den Götzendienern des Mammons. Habemus Parteiprogramm ? Wohl eher Angstszenarien und reine Kritik statt Lösungsansätze und Friedlichkeit.