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Polemikerschelte

 

Wir leben in einem Zeitalter der Polemik. Seit der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung haben sich die Wogen nie wieder richtig geglättet. Vermutlich, weil zu wenig in Frage gestellt wurde, ob das Stilmittel der Polemik, Überzeichnung und Satire das geeignete Mittel sein kann, um eine seriöse Auseinandersetzung zu führen. Vieles ist durch Satire und Karikatur tatsächlich erst zum Diskussionsgegenstand erhoben worden. Fraglich ist aber stets geblieben, ob die Einsichten, zu denen sie führten, so bei den Menschen angekommen sind, dass sie "die anderen", um die es dabei stets geht, überhaupt besser verstehen und all das, was sie so bewegt oder eben verklemmt.

Dass solche Auseinandersetzungen, wenn sie auf der Ebene der Konfrontation stehen bleiben statt zu gegenseitigem Verständnis und zu produktiven Veränderungen zu führen, gefundenes Fressen für Populisten und andere Vereinfacher sind, hat sich in den vergangenen Jahren vor allem in Europa sehr deutlich gezeigt. Auch in den USA kann ein Narzist wie Donald Trump Erfolge feiern und sich damit rühmen, dass den Wählern bereits die Markierung des starken Mannes auszureichen scheint, wenn es um die Lösung der so drängenden Fragen nach Sicherheit und Freiheit geht. Pauschal alle Muslime zu verurteilen und ihnen die Einreise in die USA zu verweigern, ist quasi die amerikanische Antwort auf die Forderung beispielsweise der Türkei gegenüber der EU nach Visafreiheit. Was damit alles verbunden ist, ist den Europäern längst durchaus auch klar, aber wie so oft entscheidet zunächst das Kalkül der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, die eben auch Hand in Hand mit der Forderung nach Visafreiheit gehen kann.

Die Polemiken haben auch vor einer Angela Merkel nicht Halt gemacht. Sie wurde wegen Deutschlands Macht als Hitler karikiert und in SS-Uniform abgebildet. Nun herrscht die Meinung vor, dass Personen des öffentlichen Lebens solche "Kritik" aushalten können müssen, schließlich gehört es mit zu ihrem Beruf, sich auch unbeliebt zu machen. Als Erdogan gegen einen deutschen Satiriker klagte, wurde schlagartig deutlich, welche Macht, aber auch welche Sensibilitäten da am Werk sind. "Satire darf alles" wurde zum Schlagwort, bis Jan Böhmermann ein Exempel zu statuieren versuchte, als er aufzeigen wollte, was sie eben nicht darf, und sich ausgerechnet damit in die Nesseln setzte. Ob das die Auseinandersetzung mit den politischen Verfehlungen der Türkei befördert hat, ist fraglich. Vielmehr wurde über Dinge diskutiert, die an den eigentlich zu lösenden Problemen vorbeigingen: Pressefreiheit, Flüchtlingsproblematik und Erpressungsmentalität. Angesprochen wurden diese Fragen zwar durchaus, aber wie so oft ist es nicht zu Lösungen gekommen, die die Ursachen bekämpfen. Genau das ist ja auch das Schwierigste in der Politik, die immer noch nur als "die Kunst des Machbaren" angesehen wird. Dabei wäre alles, was wünschbar ist, durchaus auch machbar.