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Der phonetische Faktor

 

Dank GEO – der Zeitschrift für Bergsteiger, Marlboro-Abenteurer und GEO-logen – wissen wir nun, warum 1990 Helmut Kohl Oskar Lafontaine ausstach: Die Stimme war´s, die altväterliche. Lafontaines – mal "sonographisch" analysiertes – Piepsen konnte mit Kohls sonorigem Bass in der Gunst der Wähler (oder soll man in diesem Fall von Wählerinnen sprechen?) nicht mithalten. Ein bißchen mehr Erotik in der Stimmlage hätte dagegen nicht schaden können: denn wir erfahren aus dem Heft, das uns "das neue Bild der Erde" ins Haus liefert, dass Erotik in der Stimme beeindruckender wirkt als in den O-Beinen, Segelohren oder Toilettendeckelhänden - jetzt mal übertrieben gesprochen.

„Dass Frauen mit hohen zarten Stimmen häufig wie dumme kleine Mädchen behandelt werden, ist ungerecht.", klärt uns das Blatt auf. Wo doch jeder weiss, dass Autorität und Kompetenz nichts mit der Stimmlage zu tun hat. Und was ist mit Verona Feldbusch – dem Fernsehereignis, das das Gegenüber neben der ohrenbetäubenden Stimmhochlage auch noch mit dem valschen doitschen Sprache amüsiert? Ihre Autorität und Kompetenz hat Frau Feldbusch alias Pooth nun ja hinlänglich auf anderen Gebieten bewiesen.

„Dass wir zum Beispiel männliche Tiefe mit Altersweisheit assoziieren ist widersinnig.“ So widersinnig vermutlich wie Helmut Kohl wegen seiner tiefen Stimme just jene Weisheit zuzuschreiben. Wobei sein Ausspruch von der "Gnade der späten Geburt" zu unrecht verunglimpft wurde. Joschka Fischer hat trotz errungener Wahlsiege einen schweren Stand bei seinen "stimmbewussten" Zeitgenossen, die ihm ausgerechnet die eigene Stimme gaben: 71% der Grünenwähler sagten in einer Umfrage, besonders genau auf das Sprachorgan zu achten. Fischers herausgepreßtes Gebell muß da wohl eher wegen fehlender Virtuosität beeindruckt haben (etwa wieder die Frauen)? Da wünscht man sich Zeiten herbei, in denen der Mensch nichts anderes als lautmalerische und trommelnde Laute hervorzubringen imstande war.

Oder besser noch: so manche unserer Mitlebewesen aus dem Tierreich, die ganz ohne Ohren oder Stimme auskommen. Die Fliege oder die Mücke etwa. Dass sie das wirklich tun, kann man daran erkennen, dass sie stattdessen ihrer Umwelt mit ohrenbetäubendem Surren und Schwirren auf die Nerven gehen. Aber vielleicht ist genau das ihre Stimme, quasi ihr tägliches Plebiszit? Die kann ihnen nur deshalb nicht aus den Ohren wieder rauskommen, weil sie sie nicht etwa für sich behalten, sondern weil sie lieber geradewegs und schnurstracks vorwärts düsen und nur selten seitwärts. Vor allem diejenigen unter uns mit einem absoluten Gehör dürfte das so manch schlaflose Nacht gekostet haben. Nicht auszudenken, wieviel unproduktive Phasen sich da zusammenaddieren, und das in unserer wettbewerbsorientierten Welt!

Als der erste Laut eines Lebewesens so quasi nebenbei erzeugt wurde, stiess es vermutlich auf ein Ohr und löste eine Fluchtreaktion aus – so lautet die GEO-Version des Evolutionsvorgangs in Sachen Stimme, Gehör und Überleben. Dieses menschliche Stimmenwirrwarr, das uns noch heute panikartig die Flucht ergreifen lasse, wenn wir in dieser Kakophonie oder diesem fröhlichen Drauflosplappern nicht untergehen wollen, nannte der französische Philosoph Michel Foucault übrigens "Gemurmel". Nicht etwa, weil die Franzosen so nuscheln - ganz im Gegenteil -, sondern vermutlich, weil niemand wirklich etwas so Bedeutsames zu sagen hat (oder nur die Franzosen nicht?), dass man mehr tun könnte als zu nuscheln. Oder man will halt eben partout nicht verstanden werden.

Und was haben Mensch und Tier gemeinsam, wenn sie die Stimme zum Singen (was bei manchen Tieren natürlicherweise in unseren Ohren eher seltsam klingt) erheben? Sie wollen ihrem Gemeinschaftsgefühl oder ihrer Paarbeziehung Ausdruck verleihen. Auch eine urnatürliche Eigenschaft. Doch wie wohltuend, dass der Mensch auch zugleich über die Fähigkeit verfügt, bei Bedarf seinen Artgenossen den Rücken zuwenden zu können, auch wenn das Singen trotz allem eine der schönsten Kommunikationsformen auf Erden bleibt.

 

geschrieben von Devrim Karahasan (1996)                     Dieser Essay wurde am 2. März 2015 aktualisiert.