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Experten diskutieren NS-Entschädigung*


Ein studentischer Arbeitskreis bewirkt Podiumsgespräch

 

(de) Die im Bundestag mehrfach diskutierte Entschädigung ehemaliger NS-Zwangsarbeiter hat erneut zu einer heftigen Kontroverse geführt. Anlaß waren die Forschungsergebnisse einer Studie über die Werksgeschichte des VW-Konzerns im Dritten Reich, die von Historikern der Ruhr-Universität Bochum vorgelegt wurde. Um zu einer Versachlichung des Themas "NS-Entschädigung" beizutragen, wurde ein studentischer Arbeitskreis der Bochumer Geschichtsfakutät initiativ. Dieser organisierte eine Po­diumsdiskussion mit Experten unter der Leitung des WDR-Journalisten Heiner Lichtenstein.

 

Die gutbesuchte Veranstal­tung sollte es ermöglichen, Entschädigungsmodelle und die politische Bedeutung zeit­geschichtlicher Forschung zu erörtern. So betonte Günter Saathoff von Bündnis 90/Die Grünen, dass es heute dar­um gehe, eine individuelle Entschädigung für osteuropäi­sche und sowjetische Zwangs­arbeiter einzuklagen, die bis­lang von keiner der Zahlun­gen der BRD profitiert hätten. Er verwies zugleich auf eine bereits eingerichtete deutsch­-polnische Stiftung, ausgestat­tet mit 500 Millionen DM, aus dem noch lebende Opfer in spätestens zwei bis drei Monaten mit Zahlungen rechnen dürften.

 

Der Historiker Dr. Ulrich Herbert, der seit langem in der Erfor­schung der Entschädigungs­thematik tätig ist, wandte sich ge­gen die bisherige Haltung der Bundesrepublik Deutschland, die versu­che, die eigene moralische Verant­wortung mit juristischen Kon­struktionen abzuwehren. Was die Erforschung der Rolle der Industrie angehe, so könne es nicht nur damit getan sein, einzelne Unternehmer zu „entlarven", die Verantwor­tung der Bevölkerung aber au­ßer acht zu lassen.

Susanne Willems, ehemali­ge Leiterin der "Beratungsstelle für NS-Verfolgte", unterstrich die Notwendigkeit, Gerechtigkeit an bundesdeutschen Gerichten einzuklagen, damit sich "Politik von Krieg und Völkermord" nicht bezahlt machen dürften. Positiv hob sie die Städtepartnerschaft mit Donezk hervor, bei der es darum gehe, ehemalige Zwangsarbeiter nach Bochum einzuladen, wo es in der Nazizeit 131 Lager für Zwangsarbeiter gegeben hat. Einigkeit herrschte unter den Diskutanten darüber, daß individuelle Entschädigungszahlungen den Überlebenden möglichst unbürokratisch und schnell, beispielsweise mit Hilfe eines bundesweiten Vereins zugeführt werden müßten.

 

*Dieser Artikel wurde am 10. Februar 1992 in der "WAZ" Bochum veröffentlicht und liegt hier in überarbeiteter Fassung der Autorin vor.