Deutsch (DE-CH-AT)   English (United Kingdom)   Türkçe(Tr)   Français(Fr)   Italiano(Italy)

Wenn Worte sich zum Sterben hinlegen: Max Ernst und ein Parteienszenario

 

Seit Max Ernst gilt "Traum ist Revolution". Es wäre schön, wenn sie sich im Leben eines jeden Einzelnen so abspielen würde, dass sie nicht das Leben anderer in Mitleidenschaft zieht. Und wäre Max Ernst Chemiker statt Maler gewesen, so hätte sich ohne weiteres hinzudichten lassen, dass in einem surrealistischen Szenario das Schicksal von Regierungen in Legierungen mündet. Diese Erkenntnis entspringt nicht etwa einem "Jugend fuscht"-Baukastenexperiment (nein, liebe "Jugendforscher", - ich finde es wirklich ganz klasse, was ihr schon so alles ersonnen habt - das hier ist nur ein Wortspiel!). Sie gilt deshalb, weil sich Regierungen meist - derzeit sowohl in Griechenland als auch in Deutschland - aus Koalitionen zusammensetzen.

Die sind bekanntlich nicht aus Pappe, glänzen aber auch nicht gerade metallischgolden in der Gegend herum. Wären Regierungen buchstäblich Legierungen würden sie also quasi so allmählich vor sich hin schmelzen und gingen hoffnungsfroh in Revolutionen auf, die sich ja bekanntlich um die eigene Achse drehen und dann wieder auftauchen. Denn "revolvere" aus dem Lateinischen bedeutet eben nicht nur "umwälzen", wie manche Politfritzen in die Welt gesetzt haben, sondern vor allem "sich um etwas herumdrehen". Das tun Menschen, die sich um ihre eigene Achse drehen, ohnehin die ganze Zeit. Sie drehen sich um sich selbst und machen dann auf dem Absatz kehrt, denn die Konsequenzen ihrer Egozentrik dürfen gerne andere ausbaden. Das Ganze dreht sich also darum, dass - wie Karl Marx mal in einer Karikatur wiedergegeben wurde, nämlich: "Sorry, Jungs, war halt nur so ´ne Idee...!" - Mißverständnisse die Welt regieren und diese mit sich in den Abgrund treiben. Damit entsprächen Revolutionen aber nicht länger nur einem Traum oder Träume der Revolution, sondern eher dem Tagwerk von Metall-Arbeitern, die Achsen herstellen, Revolver aus Gusseisen schmieden oder Baukräne und "Caterpillar" produzieren (auch die drehen sich ja die meiste Zeit hin und her). Die Katze beißt sich bekanntlich in den Schwanz, dort wo der Kreis sich schließt.

Als sich die Worte "Regierungen sind Legierungen" auf die Lippen Max Ernsts legten, um dort zu sterben, sprich zu verpuffen, denn in dem Moment, in dem man etwas ausspricht, ist es auch schon wieder gestorben, erfuhr die Welt, dass Maler Poeten sind und sich über Politiker grämen, vor denen sie in ihre Farben- und Leinwandwelt zu entfliehen suchen. Cineasten machen das dann eben in Multicolor. Vielleicht drechslern solche Menschen aber auch, um schönes Holzspielzeug herzustellen, das ihnen das Gefühl von Wert, Natürlichkeit und Handwerk vermitteln kann. Im Gegensatz eben zur Macht, die sie dann nicht zu haben glauben. Aber die Macht der Kunst und des Handwerks ist bei weitem größer und wirkungsvoller als jede Politikertat es zu sein vermag.

Wären Politiker keine Politiker, hätten sie Ideen, die sich nur außerhalb von Parteien realisieren ließen. Da sie aber in Parteien sind, umringt von lauter anderen ebensolchen, entstehen keine Ideen, zumindest kaum brauchbare, sondern nur Programme, und "So ist das eben"-Sätze. Parteien sind Realitätsprogramm, sie sind Stammtisch und Volksseele und damit ziemlich weit von einer lebenswerten Realität entfernt. Die Realität hingegen, die sich innerhalb ihrer eigenen Grenzen abspielt, ist eine ziemlich düstere.

Auf einer malerischen Darstellung zu Max Ernst könnte folgendes Szenario abgebildet sein: Ein fettes Insekt, ein Männchen, das auf acht Beinchen thront (auch wenn Insekten normalerweise doch sechs Beine haben...), würde einen Parteipatriarchen symbolisieren. Er würde umringt werden, ja geradezu umklammert, von lauter kleinen Insektenweibchen, die ihn offensichtlich betören wollen. Das Männchen liesse es mannhaft über sich ergehen, bis es schließlich anfinge, eins nach dem anderen aufzuessen. 

Wenn Männer an der Macht sind, fressen sie Frauen auf? Hannelore Kohl begann die Sonne zu meiden, weil ihr Mann so wuchtig und imposant wohlmöglich einen solchen Schatten warf, dass sie sich von ihm und der Sonne zu entfremden begann. Die Spinnenarten der Schwarzen Witwe oder der Wespenspinne sehen hingegen fast alles als Beute an, das sich ihnen zu nähern versucht. Und vielleicht schmeckt leichte Beute ja sogar besonders gut, wenn das Netz nur erst weit genug gespannt ist. Haben so viele Politiker deswegen so an Umfang zugenommen - man denke auch an Sigmar Gabriels Statur - seit sie die Macht kosten durften, wo sie sich genüsslich über den Bauch streichen und sagen konnten: "lecker, lecker, Insektenweibchen, nun komm´ schon her..."?


geschrieben von Devrim Karahasan (2001)                    Dieser Essay wurde am 2. März 2015 aktualisiert.