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Der Mann aus Würselen

 

Kann er das Ruder herumreissen? Martin Schulz ist der neue alte Mann der SPD. Selbst Teil des Establishments will er die Auswüchse des Establishments wie zum Beispiel zu hohe Managergehälter bekämpfen. Auf ihm lastet die Agenda 2010, die er gerne korrigieren möchte. Und schon punktet wieder die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel, die bei einer Rede herausstreicht, dass man den Eindruck habe, die SPD schäme sich geradezu für die Agenda 2010, die Deutschland doch so vorangebracht habe.

Andere sprechen lieber von der Weiterentwicklung der Agenda 2010 als von ihrer Korrektur. Das Arbeitslosengeld I solle länger ausgezahlt werden und einige Experten monieren, dass das nicht die Lösung sei. Vielmehr ginge es darum, die Langzeitarbeitslosen wieder in Arbeit zu bringen. Kann Martin Schulz das? Bei seinen Wahlkampfauftritten betont er, dass er sich um die hart arbeitende Bevölkerung kümmern möchte und dass er einer von ihnen ist. Mit viel Emotionalität versucht er, Herzen zu gewinnen. Doch was die Köpfe denken, kann auch er derzeit noch nicht beeinflussen. Denn viele treibt die Sorge um, ob sie ihren Arbeitsplatz werden erhalten können, wenn das digitale Zeitalter vollends das Ruder übernommen hat. Hat die SPD Zukunftskonzepte oder versucht sie, zu ihren Stammthemen zurückzukehren wie soziale Gerechtigkeit, gerechte Löhne und die Bekämpfung von Altersarmut? Dass die Alten über 60 mittlerweile über ein Drittel der Wählerschaft ausmachen, gibt die Wahlkampfthematiken vor: Renten, medizinische Versorgung und Sicherheit. Wer also Wahlen gewinnen will, muss mit den Alten rechnen.

Das weiss mittlerweile auch Martin Schulz. Gerne betont er, dass er sich für seine Herkunft nicht schäme, dass er als ehemaliger Bürgermeister von Würselen bei Aachen die Sorgen der Menschen besser kenne als so manch anderer Politiker und dass kein Abitur zu haben nicht bedeute, dass man keine Ahnung hat. Als Europaparlamentsabgeordneter konnte er unter Beweis stellen, dass er auch die hohe Kunst der Politik beherrscht. Er legte sich mit Silvio Berlusconi an, der ihm vorschlug, in einem Film doch die Rolle des KZ-Aufsehers, des Kapo, zu übernehmen, weil Schulz sich so vehement in Rage geredet hatte. Martin Schulz kann beides: er spricht die Sprache der Bevölkerung und die der Parlamentarier. Er weiß auch, dass Wirtschafts- und Sozialpolitik oft wichtiger sind als Umweltpolitik, wenn es um Wählerstimmen geht. Und er betont immer wieder, dass er es anders machen möchte als die Anderen. Die Menschen glauben ihm das, denn sonst würden ihm die Herzen nicht so dermaßen zufliegen und der SPD einen Höhenflug bescheren. Oder ist es einfach die Sehnsucht nach einem Wechsel? Mit hundert Prozent Zustimmung als Parteivorsitzender trägt Schulz eine immense Verantwortung, der er nur schwer gerecht wird werden können. Wie lange die Umfragen für ihn positiv ausfallen werden, hat wohl auch damit zu tun, wie lange sich das Interesse der Wähler an der Innen- und der Außenpolitik die Waage hält. Vielen Wählern geht es in erster Linie darum, ob sie nach innen und außen weiterhin in einem sicheren Land werden leben können. Für viele Politiker scheint aber derzeit die Außenpolitik die erste Geige zu spielen und man kann beobachten, dass sie diese oft genug als Ablenkungsmanöver von den Problemen der Innenpolitik zu nutzen versuchen. Erst wenn es gelingt, beide Politikbereiche nicht auseinanderzudividieren, wie es derzeit oft genug geschieht, könnte glaubwürdigere Politik gemacht werden.

Der Mann aus Würselen ist Vollblutpolitiker, der nach seiner Tätigkeit als Buchhändler Karriere in der großen Politik gemacht hat und sich nun anschickt, Bundeskanzler zu werden. Er wirkt glaubwürdig, obwohl er Europapolitiker war: das wird ihm als Makel ausgelegt, denn was versteht schon einer, der in Brüssel Teil des Establishments war, von deutscher Politik? Dass er Europäer durch und durch ist, wurde ihm quasi schon in die Wiege gelegt, wuchs er doch im Dreiländereck auf. Dass er von daher Deutschland nicht abgekoppelt von Brüssel denkt, versteht sich von selbst. Das ist in Zeiten der Europamüdigkeit sehr wichtig. Aber ob es ausreicht, um Bundeskanzler zu werden, werden die Wähler erst im September entscheiden.

Und wie Schulz es machen will, sagt er derzeit noch nicht. Zunächst geht es also darum, die Menschen für sich zu gewinnen, obwohl noch keiner so recht weiss, welche Rezepte Martin Schulz anbietet. Bislang hat er sich lediglich dazu geäußert, wie er seine Pläne finanzieren will, nämlich mit einer Anhebung der Vermögenssteuer. Das klingt so allgemein wie das Versprechen, Hartz-IV zu korrigieren. Er muss allmählich konkreter werden, damit seine Wähler sich vorstellen können, wie es mit ihm gehen soll. Falls die Strategie allerdings lautet im Vagen zu bleiben, könnte Schulz sein Ziel verfehlen.