Deutsch (DE-CH-AT)   English (United Kingdom)   Türkçe(Tr)   Français(Fr)   Italiano(Italy)

Jakob Augstein und das Linkssein

 

Jeder Journalist offenbart sich in seinen Worten. Meist kommmen diese täglich über den Äther, aufs Blatt oder über den Fernsehsender, so dass sich mit der Zeit ein recht kohärentes Bild ergibt. Es sei denn der Journalist ist geisteskrank, anderweitig verwirrt oder eben nur gekauft. Das kann man von Jakob Augstein nicht sagen. Er schreibt qua Familienhistorie, als leiblicher Sohn eben des berühmten Martin Walser und als rechtlicher des ehemaligen SPIEGEL-Verlegers Rudolf Augstein, das, was der Beruf des Journalisten von ihm verlangt: und das ist meistens die Wahrheit. Nun gibt es viele solcher: jeder, der schreibt, nimmt für sich in Anspruch, die Wahrheit zu vertreten, nicht zu lügen oder zu verdrehen, abgesehen von einigen ganz gewieften Demagogen, die das Wort dazu nutzen, wozu es eben auch in der Lage ist: den Menschen etwas vorzumachen. Die Kirche hat das jahrhundertelang praktiziert und damit über Ablasshandel, Beichte und ähnliches recht lukrativ ihre Anhänger in den Bann der Religion gezogen. Ihren Vertretern hat sie so das Zölibat abgerungen, damit das, was sie besitzen, auch hübsch in den Besitz der Kirche gelangt und nicht etwa in den ihrer nächsten Familienangehörigen, die sie nach ihrem eigenen Tod dann ja nicht hatten. Keine Frau und keine Kinder zu haben war der beste Garant dafür, dass die Kirche als Arbeitgeber diejenige war, die ihren Besitz vermehren konnte, und genau das tut sie quasi seit ihrem Bestehen: so ist sie groß, mächtig und reich geworden und kann dann somit auch teilweise für das Wohl der Allgemeinheit sorgen, nämlich durch Kindergärten und Krankenhäuser, die ihren Bediensteten jedoch allzuoft auferlegen, Mitglied in ihrem Verein sein zu müssen. Genau aus diesen Gründen ist die Evangelische Kirche auch ärmer als die katholische.

All solche Sorgen hat Jakob Augstein nicht: er ist "im Zweifel links". Kann er sich nicht entscheiden? Man könnte jetzt beginnen tiefenpsychologisch zu werden: es kann keine leichte Erfahrung gewesen sein, plötzlich zu hören, dass man quasi zwei Väter hatte, von denen der eine nicht gerade im Ruf steht links zu sein und der andere nicht gerade rechts. Oder ist Jakob Augstein nur ein berufsmäßiger Zweifler, der sich gerne eine Meinungshintertür offen hält? Wer weiß, vielleicht haben die anderen ja doch recht - er aber zweifelt eben nur und behauptet nicht, das Richtige oder Wahre zu sagen. Er gibt nur zu bedenken: es könnte auch anders sein. Damit unterscheidet er sich in angenehmer Weise von Günter Grass, der mit seinem ganz und gar zweifellosen Moralismus seine Mitmenschen traktiert hat, auch wenn man über Verstorbene nichts Schlechtes sagen soll. Positiv ausgedrückt war Grass stets das Gewissen der Nation, nachdem er ganz geläutert von seiner Waffen-SS-Vergangenheit berichtet hatte. Als ihm einfiel, dass Israel den Weltfrieden bedroht, zugegeben in einer Welt, die von der Atomgefahr geprägt ist, reichlich spät, schrieb er das flugs auf und las es auch noch vor. Dasselbe könnte man aber auch über den Iran, Pakistan oder die USA sagen. Aber Grass wollte damit vermutlich dem Vorwurf des Anti-Antisemitismus entgegenwirken, nach dem Motto: Wer Israel kritisiert ist automatisch Antisemit. Das wirkt aus der Richtung eines ehemaligen Waffen-SSlers allerdings mehr als prekär. Vielleicht guckte Grass deshalb stets so trübsinnig und wählte immer so große Worte, von denen schon James Joyce wusste, dass sie Menschen unglücklich machen. Das will Jakob Augstein, klug und gewandt wie er ist, eben vermeiden. Und so entscheidet er sich wöchentlich in seiner eigens dafür vorgesehenen SPIEGEL-Kolumne für den Zweifel. "Ich zweifle, also bin ich". Frei? Unabhängig? Integer? Vielleicht. Das ist eventuell sein Weg, sich das wie ein Mantra einzureden. Mit Israel übrigens hat Jakob Augstein nun auch nicht gerade positive Erfahrungen machen müssen, weil er den Mut hatte, es für seine falsche Politik zu kritisieren, ungeachtet der Gefahr, dann eben als Antisemit abgestempelt zu werden. Wahrscheinlich hat Augstein sich gesagt, dass ein Journalist sowas aushalten können muss, aber einfach war es sicherlich nicht, die Tiraden eines Hendryk M. Broder über sich ergehen lassen zu müssen.

Brilliant war Augstein in einer Auseinandersetzung mit Thilo Sarrazin, in der er dem SPD-Politiker vorhielt, das beste Gegenbeispiel für seine abstrusen Thesen zu sein, denn Sarrazin lebte in dem Wahn Deutschland schaffe sich ab und zeigte in seinem zweiten Buch die vermeintlichen Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland auf. Denn immerhin macht dieses Land es möglich, dass ein Sarrazin seine Thesen verbreiten darf genauso wie Rechte ganz legal aufmarschieren können.

Manchmal liegt Augstein in seinen Analysen allerdings deshalb daneben, wie beispielsweise beim Mindestlohn oder beim Islam, weil auch ihm die political correctness dazwischen kommt. Im Zweifel links zu sein schützt eben nicht vor Eitelkeit oder Irrtum. Aber in Zeiten der Pegidas und der immerhin noch 8.000 statt der erwarteten 30.000 Zuhörer für einen Geert Wilders und des Islamischen Staates und der zunehmenden rechtsextremistischen Straftaten und der Ausländerfeindlichkeit und der im 21. Jahrhundert beschämenden Ignoranz in Sachen Wirtschaftspolitik, Religion und der Ursachen von Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Ideologien, ist ein Jakob Augstein unabkömmlich. Und das weiß er vermutlich auch nur zu gut.