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EU-Viva Zwergies in Istanbul - eine Filmkritik zu Fatih Akıns "Gegen die Wand"

 

Europa ist mächtig im Kommen dieser Tage. Und so darf man sich nicht wundern, wenn allerorts darüber spekuliert wird, wer auch in Zukunft dabei sein darf. A raised eyebrowverdient zumindest der türkische Regisseur Fatih Akın, der einen Film gedreht hat. Sibel Kekilli hat mitgespielt, womit sie - wenn man Interviews Glauben schenken darf - fast buchstäblich "Gegen die Wand" gefahren wäre. Im Film kommt sie mit einer blutigen Nase davon, nachdem sie den Mund zu voll genommen hat gegenüber Männern, die nicht sonderlich viel Spaß verstehen. Am Ende entwischt Sibel von Istanbul in die Provinzstadt Mersin und nimmt den sympathischen Junkie Cahit mit. Dessen Türkisch kommt holprig über die Lippen und er selbst wirkt wie die abgehalfterte Version von Jürgen Drews. Seine Sympathiewerte verdankt er dagegen der Tatsache, dass er unverblümt, Wahrheiten ausspricht und erträgt, die jedem anderen fraglos den Kragen kosten würden.

Der Zufall will es, dass Sibels Filmfreundin Selma in "Gegen die Wand" dargestellt wird von der Frau, die, eingezwängt im zitronengelben Wickelkleid, den Grand Prix d´Eurovision de la Chanson in Istanbul moderiert hat: Meltem Cumbul. Mit etwas Phantasie könnte man einen Wiedererkennungseffekt vermuten und annehmen, dass hier zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden sollten. Unverkennbar scheint es so, dass sich nicht nur Filmemacher neuerdings an der Medientrommel für den EU-Beitritt der Türkei beteiligen, wobei Fatih Akın nicht im Verdacht steht, lautstarker Fürsprecher eines solchen zu sein. Die Organisatoren des Grand Prix haben dagegen ganz offensichtlich darauf spekuliert, durch eine perfekt organisierte Bühnenshow und entsprechender Moderation dem politischen und wirtschaftlichen Europa ein Stück näher zu rücken. Dabei musste die Mode stimmen: zum gelben Wickelkleid Cumbuls fehlte lediglich eine blaue Stola, um Europas Nationalfarben zu symbolisieren. Dafür zierte ein seidenes Tuch den Hals von Cumbuls Co-Moderator Koran Abay, der sich damit als türkischer Johannes Heesters zu gerieren versuchte, wie Peter Urban für das deutsche Fernsehen zutreffend kommentiert hat. Weltmännisch tänzelte Abay zudem zwischen "Weltsprachen" hin und her. Dick aufgetragen hält besser, dachten sich vermutlich auch die Strippenzieher im Hintergrund und verordneten Sertap Erener, der Grandprix-Vorjahressiegerin, ein Madonna-Pop-Image, das selbst in luxus- und dekadenzverwöhnten Istanbuler Kreisen als zuviel des Guten gegolten haben dürfte. Eine Zumutung angesichts Sertap Ereners professioneller Sängerinnen-Ausbildung wäre der Vergleich mit Madonna wohl allemal, mag man von Ereners Eurovisions-Siegersong halten was man will.

Beiden Sparten, Film und Musik, könnte mit so viel Verve allerdings gelingen, was Politikern bislang ungeschickt durch die Finger glitt: der türkische EU-Beitritt; wobei alle drei Gruppen, Filmemacher, Musiker und Politiker der Türkei lange Zeit nicht sonderlich gegeizt haben, wenn es darum ging, sich bei den Europäern lieb Kind zu machen. In Akıns Film floss allerdings so viel Blut über die Körper, Alkohol durchs Blut und Kokain durch die Nase, daß Europäer meinen könnten, Türken seien eben doch Opfer ihrer Leidenschaften oder positiv gewendet: pure Genussmenschen - was Europäer selbst gerne von sich weisen, wenn es um Politik geht. Beim Grand Prix entstand dagegen der Eindruck, dass das, was als fulminante türkische Folklore dargeboten wurde, zum Teil vom irischen Riverdance abgeguckt wirkte. Damit könnten die Türken schon mal im Trippelschritt einen Geschmack davon bekommen haben, welches Schicksal ihnen drohen könnte, falls sie der EU beitreten: den Iren nämlich den Rang abzutrippeln. Dabei wären sie das bevölkerungsreichste Land der EU geworden und genau das ist es, was christliche Politiker so sehr gegen die islamischen Nachbarn wettern ließ. Angela Merkel brachte es dabei nur bis zu einer "privilegierten Partnerschaft". Was sollte das sein? Nun haben wir den Salat: Die Türkei ist nach Osten und Süden gerückt, unterstützt politisch und wirtschaftlich fast alles, was so mancher urdemokratischer und europäischer Idee widerspricht, auch wenn sie dies stets nach außen dementiert.

Die Türkei wurde zulange unterschätzt. Dabei hätte ihr gelingen können, was ihr die meisten Europäer, genervt von der Aussicht, ein weiteres neues Mitglied aushalten zu müssen, vermutlich nicht zugetraut haben: ein Gewinn für Europa zu werden und durch eine wirkliche Renaissance des Islam, die unter allen islamischen Ländern nur der Türkei in der Tradition Atatürks hätte gelingen können, an Reformen in anderen Ländern Vorreiter zu sein. Wenn man den Film Fatih Akıns als erste Kostprobe für den EU-Beitritt nehmen durfte, hätte das wohl zunächst einmal blutige Nasen, lauter Scherben- und Bierdosenhaufen und jede Menge "Davul-Zurna", zu deutsch: Trommel- und Flötenmusik, geheißen. Einem neuerdings ernsthaften Aufschwung des Nationalismus allenthalben würde dies keinen Einhalt gebieten. Im Gegenteil, es darf vermutet werden, dass sowohl Deutschland als auch die Türkei sich bei aller Annäherung weiter an ihren Eigenheiten festhalten und dies auch lautstark demonstrieren werden. Zuletzt zu bestaunen in dem Ausspruch eines CSU-Politikers in den eigenen vier Wänden solle deutsch gesprochen werden, was ihn als Bayer ja schon auszuschließen schien.

Da erscheint es zwar als nette Geste, dass Deutschland der Türkei bei der Eurovision zwölf Punkte schenkte, aber so etwas ist eben immer nur eine Geste des Goodwill, den die Türken im übrigen, zumindest beim Grand Prix, nicht erwidert haben. Vielleicht wußten sie ja, dass sie sich dafür ohnehin nichts kaufen können. Und da die Türkei in der Tradition eines alten Kriegervolkes steht, das ähnlich wie die Indianer überall das Gras wachsen hört, sprich das Herannahen des Feindes zu Pferd über Steppe, Gras oder Prärien, ist mit ihr in Sachen Politik selten zu spaßen. Das kriegerische Germanenvolk hat sich indes gedacht "die Türken sind doch überall von Wasser umgeben". Also lieber dort Urlaub machen als sich auf Augenhöhe messen - bringt eh mehr für die Wirtschaft.

Einige Szenen von Akıns Film, darunter die eingespielte traditionelle türkische Musik, wirken urkomisch und parodistisch, andere erscheinen klischeehaft. Dass Türken, die um die Hand der Liebsten anhalten, dies selten mit Schoko-Pralinen (sondern eher mit Lokum/Turkish Delight) für den Familienpatriarchen tun würden, mag noch ein witziger Lapsus, und vermutlich als solcher gedacht gewesen sein. Doch dass junge türkische Männer eine Ehrverletzung darin sehen, wenn ihre Ehefrauen mit dem ungehörigen F-Wort, das unter solchen Männern selbstredend nur im Zusammenhang mit vermeintlich verdorbenen Prostituierten verwendet werden darf, in Verbindung gebracht werden, wirft ernsthafte, des Feminismus verdächtige Fragen auf: ob nämlich eine solche Ehrverletzung tatsächlich nur der türkischen bieder-bigotten Heuchelei eigen ist, und ob nicht so mancher deutsche, spanische oder italienische Ehemann auch ähnlich reagieren, oder zumindest denken würde. Womit sich der illustre EU-Reigen wieder schließt.

Leider kam Athena´s "For Real"-Ska bei Akın nicht vor. Hätte er die folkloristischen Trommelspieler durch die Eurovisionsband der Türkei Athena ersetzt, wäre vielleicht tatsächlich der Eindruck entstanden, Akın beteilige sich allzu offensichtlich am EU-Geschacher. Unter musikalischen Aspekten hätte sein Film jedoch neben einer kurzen Depeche-Mode-Einspielung schmissigere Untermalung vorzuweisen gehabt. Und warum Istanbul so wenig einladend erscheinen muss in seiner Darstellung der Stadt als Moloch messerstechender Betrunkener in düsterstem Prostituierten- und Drogenmilieu, das zwischen den Szenen höchstens durch die persiflierend wirkenden Davul-Zurna-Spieler aufgelockert wird, stimmt eher melancholisch und traurig. Eine zwiespältige Werbung im Sinne der türkischen Tourismusindustrie: Freiheit und Abenteuer sind in einer Großstadt eben selten ohne Verluste zu haben.

Offen bleibt, wem der auf eine Wandsäule in einer der zahlreichen Bar-Szenen in Akıns Film gekritzelte Spruch "Viva Zwergies" gelten mochte: Charlotte Roche und allen kleinen Viva-Guckern oder kleinen Männern und Frauen im allgemeinen? Man weiß es nicht, so wenig wie man weiß, warum der Protagonist Cahit während des gesamten Films, mit einer rühmlichen Ausnahme, sich eigentlich nie die Haare kämmt. Ob das an den zerquetscht herumliegenden Bierdosen lag, die ihm dabei vermutlich unhandlich in die Quere gekommen wären? Aber auch das sollte nur das Image des zotteligen und sympathischen Lebenskünstlers symbolisieren, dem Etikette und Außenwirkung eben nicht viel bedeuten, und der eventuell nur einfach sein Leben leben will. Zudem erscheint ungepflegtes Haar nun mal aufmüpfiger, auch wenn man im Sinne überholter Geschlechterklischees heutzutage niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken kann, wenn eine türkische Frau genüsslich ein Glas Raki die Kehle herunterrinnen lässt, wie in einer der Filmszenen zu sehen. Und im wirklichen Leben verhält es sich sogar meist so, dass so mancher waschechte Osmane seinen own personal Kamm stets in der Jackentasche mit sich trägt. Aber über die ästhetische Wirksamkeit dieser Maßnahme haben EU-Bürokraten ja nicht zu entscheiden. Hätten sie es, dann käme die Türkei wahrscheinlich doch nicht rein. Wer trägt schließlich Kämme durch die Gegend, wenn er noch bei Trost ist? Osmanen eben.

 

geschrieben von Devrim Karahasan (2002)                    Dieser Essay wurde am 2. März 2015 aktualisiert.