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Über den Hügeln von Florenz*

 

"Wir wollen ihnen eines der besten Doktorandenprogramme bieten, die es gibt." Davon versucht der Leiter des Akademischen Dienstes des Europäischen Hochschulinstituts Florenz, Andreas Frijdal, die versammelten Erstsemester in seinem Vortrag über die Brillanz seiner Hochschule zu überzeugen. "Statistisch gesehen werden etwa 70 Prozent von ihnen Professoren." fügt er nicht ohne Stolz hinzu und sieht darin seine Aussage bestätigt. Das darauffolgende Raunen unter den angehenden Doktoranden in den Fächern Geschichte, Politik, Wirtschaft und Jura läßt darauf schließen, daß einige es vorziehen, sich wenigstens auf die Seite der restlichen dreißig Prozent zu schlagen. Schließlich gibt es da noch die Europäische Union, den Weltwährungsfonds und andere Institutionen, die Interesse am wissenschaftlich geschulten Nachwuchs bekunden, klärt Frijdal seine Zuhörer auf.

Die sind offensichtlich erschlagen von der ersten Begegnung mit ihren künftigen Ansprechpartnern in Sachen Univerwaltung, die einer nach dem anderen Auskunft geben über ihre Arbeitsbereiche. Denn keiner der auserwählten zehn Prozent der jährlichen Bewerber am Institut mag zum Abschluß eine Nachfrage stellen. Also trottet man lieber gemeinsam zum ersten Sektempfang auf einer der Terrassen des idyllisch im Grünen außerhalb des Stadtzentrums gelegenen toskanischen Klosters, in dem das Institut seit 1976 teilweise beherbergt ist.

An das Jahr kann sich Frau Eckmann noch gut erinnern. Sie gehört zur ersten Generation von Doktoranden und hat als erste im Fach Politik ihre Promotion erfolgreich verteidigt. Heute leitet sie als studierte Germanistin die alljährlichen Deutschkurse und findet, dass das Institut im Vergleich zu ihren Studienjahren kaum mehr wiederzuerkennen ist. Nicht nur hat sich die Zahl der jährlichen Studenten und der angehörigen Mitgliedsstaaten seitdem fast verdoppelt. Auch der Bestand ist heute professionalisiert: "Als ich anfing, gab es zum Beispiel kaum Zeitschriften. Ich musste immer in die Universität von Florenz, da ich ein italienisches Thema bearbeitet habe", erzählt sie.

Andreas Frijdal dagegen hat in Wirtschaftswissenschaften promoviert und rät zwischen einem Schluck Sekt und einem pikanten Käsehäppchen einer Geschichtsstudentin aus Deutschland ihren Idealismus in Sachen Sprachperfektion zu vergessen und lieber darauf zu achten, dass eine Publikation in Englisch ihre Karrierechancen erweitert. Schließlich habe sie hier am Institut die einmalige Chance, international wettbewerbsfähiger zu sein als ihre daheimgebliebenen Kommilitonen.

Zu den Auswahlkriterien der Graduiertenuniversität, die mancher hier gerne als "Harvard Europas" sähe, zählt nicht nur eine entsprechende Abschlussnote. Inoffiziell hat derjenige die besseren Chancen, der bei seiner Bewerbung in dem im Vier- bis maximal Achtjahresturnus erfolgenden Wechsel der Dozenten in der Auswahljury auf einen alten Bekannten aus seiner Fakultät stößt. Wiedersehensfreude ist schließlich auch in akademischen Kreisen eine nicht zu unterschätzende Größe. Eine, die so manche Tür öffnet. Und eine, die nicht immer rein zufällig erfolgt.

Die Daheimgebliebenen können ihre Kommilitonen an der EUI vermutlich nicht nur um die Chance, die Frijdal im hiesigen internationalen Umfeld sieht, sondern auch um deren Finanzierung beneiden. Jeder Doktorand bekommt ein dreijähriges Stipendium, dessen erste zwei Jahre die Heimatregierung zahlt. "Sie können auch länger im schönen Florenz bleiben", sagt er. "Allerdings gibt es dann meistens kein Geld mehr." Die Harmonie unter den Auserwählten scheint ohnehin durch die finanzielle Ungleichbehandlung der Stipendiaten getrübt. Während die Dänen mit etwa 3000 Mark haushalten dürfen, müssen beispielsweise die Griechen mit knapp der Hälfte auskommen. Erst im dritten Jahr, wenn das Institut die Auszahlung der Stipendienrate aus EU-Geldern übernimmt, kommt es zu einer Angleichung, von denen die Dänen allerdings verschont bleiben. Denn ihre Regierung gesteht ihnen für die Dauer ihres Aufenthalts in Florenz den Satz zu, den ein üblicher Doktorand auch in Dänemark bekommen würde.

James, ein Austauschstudent aus Brooklyn, findet das zwar auch ungerecht, fügt aber lapidar hinzu: "Forget equality! Dafür müssen die Dänen Steuern draufzahlen."

 

*Dieser Artikel entstand 1999 als Beitrag von Devrim Karahasan für die "taz", wurde aber nie abgedruckt.