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Von überflüssigen Versuchen seine Kommilitonen amüsieren zu wollen

 

Wenn Studenten einen lustigen Studienführer schreiben wollen, kann es ganz schön peinlich werden. Der gewollt-aber-nicht gekonnte Humor des "Neumann" - wie uns der Studienführer für Bochumer Erstsemester der Germanistik als "unterhaltsames Vademecum" neugierig machen soll – versetzt die Mundwinkel kaum in Bewegung. Er zieht sie tendenziell nach unten. Ein einziger weiser Ausspruch glänzt – wohlgemerkt als Zitat – einsam und verlassen vor sich hin: "Bildung ist der Minderwertigkeitskomplex mit dem meisten Prestige." Der aber stammt dann auch noch von einem Franzosen. So können auch gleich alle weiteren Erläuterungen zum philologischen Lotterleben aus der Sicht einer strebsamen Studentin getrost überlesen werden.

Welchen Neuankömmling an der Uni kann es auch ernsthaft interessieren, dass "unsere Heldin" Judith Neumann in der Schule auf den dämmlich-dummen Spitznamen "Wautzi" hören mußte? Von den Irrungen des Unilebens schlicht überfordert, reiht sie ein Klischee neben das andere: alle wollen ständig Kaffee trinken, persönliche Probleme besprechen und auch sonst herrscht nur Verwirrung. Die Quintessenz aller Erkenntnis lautet schließlich, daß es nicht vergeblich sei, gegen das "Feindbild" des verständnislosen Vaters anzustudieren, der mit Fragen nach Sinn und Zweck des Studiums nervt. Wie tröstlich und ungemein kreativ...Die erste Lektion, die sich lernen ließe: Germanistikstudenten der fortgeschrittenen Semester können langweilige Geschichten produzieren, die allenfalls eine Universität zu drucken bereit ist.

So muss sich der dumme Erstsemester seitenweise durch die langatmigen Reflexionen unserer Protagonistin quälen, die auf dem Niveau einer biederen Geistlosigkeit verharren. Eine Melodie auf den Automatenreim "Becherstorno – das ist klasse – umweltfreundlich mit der Tasse", den sich die Heldin kurzerhand erfindet, läßt uns ihr Genie erahnen. Daß die Cafeteria der Fakultät in ihrer Selbstfindung auch sonst eine herausragende Rolle spielt, verdankt diese vermutlich ihrer ebenso durchschnittlichen Geistlosigkeit.

Auch so manche Literaturtheorie gelangt hier noch einmal zu unverdientem Ruhm. Der "Ersti", der in der Schule noch glauben durfte, Literatur sei das, was sich zwischen zwei Buchdeckeln versteckt hält, muss nun erschreckt feststellen: Es gibt mehr Fragen als die nach dem Autor! Noch behaftet mit dem Flaum des wohlbehüteten Schulnestes erlebt er hier sein jähes Erwachen: oh je – die Welt ist komplexer als uns unsere Schullehrer glauben machen wollten oder als sie selbst zu wissen imstande waren. "Der Autor ist tot" - aber wie hat er dann das Buch geschrieben, das im Schweiße des Ersti-Angesichts seziert, analysiert und zerrissen werden muss?

Dass unsere Heldin aber schon so groß ist, die Sorgen ihrer Eltern "wenn sie nachts um die Häuser zog" zu ignorieren, ist doch schon mal ein guter Anfang für jemanden, der noch etwas werden will in dieser Welt. Zumindest glauben das wohl die anonym bleibenden Autoren dieses Traktats.

Zum Glück ist das Ganze nach 46 Seiten vorbei und die sind nur an der Ruhr-Universität Bochum erhältlich.

 

Siehe: Jan H. Beckh-Kummer: Neumann. Ein unterhaltsames Vademecum für Erstsemester, Germanistisches Institut der RUB, SoSe 1998

 

geschrieben von Devrim Karahasan (1998)                    Dieser Essay wurde am 2. März 2015 aktualisiert.