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Comedy reloaded

 

Wer kann schon von sich sagen, einen Breakdancer und einen Balletttänzer in sich zu vereinen? Özcan Cosar kann das. Und noch viel mehr. In der Gelsenkirchener "Kaue" konnte er sein Publikum fast zweieinhalb Stunden lang so gut unterhalten, dass fast jeder Gag saß. Der Stuttgarter, der eigentlich Comedian ist, tat sich im zweiten Teil seines Programms auch als politischer Kabarettist hervor. Die Zustände, die die türkische Mentalität manchmal mit sich bringt, nahm er dabei gekonnt und selbstironisch auf die Schippe. Geht ja auch nicht anders, wenn man weiß, was es heißt, verheiratet worden zu sein, was er nur beiläufig fallen ließ. Den Käfig voller Narren ließ er weiter frei, indem er ganz selbstironisch darauf verwies, dass man ihn sogar auch in die Rolle des Komödianten quasi "hineingezwungen" habe. Als Barkeeper und Fitnesstrainer mit "fett Kohle" und Einblick in die herablassende Welt der Reichen und der arroganten Mädchen reichte ihm diese Atmosphäre bald. Wie gut, dass das so war. Sonst hätten wir ein Talent weniger in der Comedyszene.

Das Highlight, das bestimmt alle seine Fans kennen, kam zum Schluß. Die Verballhornung des Weihnachtsliedes "Stille Nacht" sang er mit solcher Inbrunst à la turca (als Parodie auf Müslüm Gürses, der sich gerne mal in schizophrenen Zuständen die Brust mit Rasierklingen aufschlitzte), dass auch tatsächlich ein Singersongwriter aus ihm geworden wäre. Dass er das alles tatsächlich irgendwie ist, hat er auf den Bühnen dieses Landes schon oft bewiesen.

Seine weiblichen Fans konnten (wohl nicht nur) von seiner Gesangstimme angetan sein, die männlichen dürften sich vielleicht insgeheim geärgert haben, was "der da vorne" so alles vom Stapel lassen konnte. Und selbst das griff er selbstironisch auf. Nun haben wir nach Kaya Yanar, Bülent Ceylan, Fatih Cevikkollu, Serdar Somuncu und Muhsin Omurca noch einen Comedy-"Superstar", der es versteht, die türkische Mentalität und oft auch eigene Welt zu parodieren. Und zwar so, dass es nicht platt wirkt, sondern aufklärend, lustig und wirklich unterhaltsam.

Hoffentlich singt er zukünftig noch mehr. Denn wie sehr er seinen Körper beherrscht, konnte man den ganzen Abend über sehen und hätte sich gewünscht, dass er sich noch mehr in die Herzen der Gelsenkirchener und der aus der Umgebung angereisten Fans gesungen hätte. Der Ausklang "Gelsenkirchen gel" (Gelsenkirchen, nun komm´ schon!) war gut platziert, und selbstverständlich kamen die Göttinger im türkischen Wortschatz mal wieder schlecht weg. So ist das, wenn Wortspiele die Runde machen und uns Wahrheiten über so manches auftischen, was wir gar nicht miteinander in Verbindung gebracht hätten. Seitenhiebe auf die ausländerfeindliche AfD und Pegida mit ihren merkwürdigen Führungsfiguren durften nicht fehlen. Cosars slapstickartige Einlagen, die Parodie auf Streber und Kulturbeflissene und das Handy als Alter Ego (à propos Kulturbeflissene...) der heutigen Generation haben demonstriert, was für ein Allroundtalent da auf der Bühne stand. Anleihen bei Kollegen konnte man selbstverständlich herauslesen, da die Comedyszene sich sehr viel gegenseitig inspiriert. Und die eigene Bedeutungslosigkeit zu unterstreichen angesichts so vieler anderer toller Menschen war sicherlich ein kleines Understatement: klar träfen sich die Promis immer zu Partys und würden sich zurufen "hey, wir gehen zu Anne Will" (mit der Betonung auf "will"). Der Anteil unter der Gürtellinie war aber in einem erträglichem Ausmaß, denn vor allem hat der Breakdancer mit seinen künstlerischen Talenten überzeugt.

Nur an einer Stelle hätte ich Özcan Cosar gerne korrigiert, wenn das möglich und nicht so besserwisserisch gewesen wäre: "Wirtschaftsflüchtlinge" sind nicht nur diejenigen, die aus Armut zu uns kommen, sondern vor allem die Reichen und viele Konzernbosse, die ihre Steuern hinterziehen und in andere Länder auslagern bzw. sie am besten gleich gar nicht zahlen wollen...!

Glückauf !