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Can Dündar

 

Er kam um zu berichten. Und was er zu berichten hatte, war nicht viel Gutes. Sein Buch "Lebenslang für die Wahrheit", das bereits auch in englischer Sprache vorliegt, legt Zeugnis davon ab, wie die Türkei illegale Waffengeschäfte in Syrien betreibt. Und wie es sich anfühlt, seiner Freiheit - ganze zweiundneunzig Tage lang - beraubt zu werden. Can Dündar ist nicht der Einzige. Das weiß kaum einer so gut wie er - aber er selbst hat ein Attentat überlebt. Er sagte einmal über seine Situation, dass man vor nichts mehr Angst habe und gleichzeitig anfange vor allem Angst zu haben. Auf die Frage, ob es in der Türkei Pressefreiheit gäbe, antwortete er einst mit ja, aber man müsse den Preis dafür bezahlen, wenn man sie in Anspruch nehme. An die vielen Beispiele von inhaftierten Journalisten hat er sein Publikum in der Essener "Lichtburg" erinnert und bemerkt, dass es schön ist, dass so viele Interessierte - darunter ausgesprochen zahlreiche junge Menschen - aus Solidarität und Wissbegier gekommen waren, um an seinen Beobachtungen und Analysen teilzuhaben. Mit großer Höflichkeit und Ironie, die die bitteren Wahrheiten mit Humor nimmt, ist es ihm gelungen, seine Zuhörer in den Bann zu ziehen. Dass zudem Murat Bayraktar sehr präzise gedolmetscht hat, hatte großen Anteil daran, dass die Veranstaltung, die unter dem Motto "Freundschaft" stand, zu einem gelungenen und gut organisierten Event werden konnte. Die fast bis auf den letzten Platz besuchte Lesung gab Einblicke in die Kommunikation unter den Mithäftlingen und die vielen undemokratischen Maßnahmen der Erdogan-Regierung.

Can Dündar gehört zu jenen Journalisten, die sich trotz Repressalien nicht haben mundtot machen lassen. Daher kommt es nicht unerwartet, dass sich eine Gruppe von Kollegen zusammengefunden hat, die das Journalistenkollektiv "Korrektiv" gegründet haben. Während in der Türkei nach und nach Fernsehsender und Zeitungsredaktionen durchsucht und geschlossen werden, Richter abgesetzt und Lehrer ausgewechselt werden, werden wir Zeuge davon, wie die Erdogan-Regierung versucht, die Geschichte der Türkei nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 neu zu schreiben, und zwar vorrangig so, dass die Führung als Retter in der Not dargestellt wird, der sie gar nicht unbedingt war. Inzwischen ist überraschenderweise der Präsident der Handelskammer von Ankara zurückgetreten. Vermutlich wollte er dadurch einem Rauswurf wegen des Vorwurfs der Nähe zu Fethullah Gülen zuvorkommen. Und schon wird auch über die Wiedereinführung der Todesstrafe diskutiert. Sollte sie tatsächlich in Kraft treten, könnten die EU-Beitrittsverhandlungen komplett zum Erliegen kommen. Die Heuchelei der Diskussion wird unter anderem auch daran deutlich, dass mit der Todesstrafe keiner der Verursacher des Putsches zur Verantwortung gezogen werden könnte, denn sie ist rückwirkend nicht wirksam. Vielmehr geht es Erdogan darum, die Todesstrafe als Abschreckung für die Zukunft erscheinen zu lassen.

Immer noch bleiben in Bezug auf den Putschversuch viele Fragen offen, vor allem im Hinblick darauf, wer was wann wusste. Immer offensichtlicher wird wie sehr die AKP und die Fethullah-Anhänger die Institutionen der Demokratie bedrohen. Can Dündar hatte sich bereits früh geäußert und gesagt, dass er den Putschversuch als große Katastrophe wahrgenommen habe. Wäre er gelungen, so wäre vieles sicherlich sehr unangenehm geworden. Aber dass er nicht gelungen sei, habe zu fast noch schlimmeren Konsequenzen geführt. Zum Beispiel dazu, dass in der Türkei derzeit Notstandsgesetze herrschen, die Erdogan viele neue Befugnisse geben, die er sich stets gewünscht hatte. Faktisch ist das Präsidialsystem dadurch quasi bereits installiert. Und seine Anhänger rechtfertigten sich nach dem Putschversuch unter anderem damit, dass sie keineswegs gewillt seien, sich das verbieten zu lassen, was bereits Frankreich nach den Angriffen auf das "Bataclan" eingeführt hatte. Frei nach dem Motto "Was andere können, können wir auch!". Notstandsgesetzgebungen waren schon oft der Weg, der geradewegs in die Diktatur führte, und um sie wieder zu überwinden, bedarf es demokratischer Anstrengungen. Daran hat Can Dündar eindringlich erinnert. Die Türkei sei wie ein Überraschungsei, bei dem man nie wisse, was dabei herauskomme. Diese bildliche Vorstellung von einem Land, in dem stets alles möglich bleibt, weil die Menschen mit Humor, Sarkasmus und Ironie an die Dinge herangehen, wäre eine gute Überleitung zu fortschrittlicheren Konzepten und zu Alternativen zu den derzeit herrschenden Zuständen. 

Die Türkei kann nicht zurück zu der Größe des einst so mächtigen Osmanischen Reiches, wie es Erdogan und seinen Anhängern vorschwebt. Denn die Ära der Großreiche ist der der Nationalstaaten gewichen, auch wenn Russland, Saudi-Arabien, die USA, Großbritannien, China und auch Frankreich und Spanien gerne an ihre früheren Ausdehnungen anknüpfen wollen. Auch die EU nehmen viele inzwischen wie ein Großreich wahr. In der Globalisierung, die wir heutzutage erleben, fühlt sich zwar fast alles groß an, denn auch die Firmenmacht so mancher Unternehmen wirkt grenzübergreifend. Doch haben große Reiche stets nach Expansion durch Krieg und nach Konkurrenz gestrebt. Viel produktiver wäre es, wenn eingesehen würde, dass nur friedfertige Kooperation eine Lösung der Probleme herbeiführen kann. Um das begreiflich zu machen, treten viele Autoren an und versuchen, das, was an Porzellan bereits zerschlagen wurde, wieder zu kitten. Die gutbesuchte Frankfurter Buchmesse hat es erneut gezeigt: der Drang der Menschen nach gutinformiertem Lesestoff ist keineswegs rückläufig, sondern sie steigt mit der Zunahme der Buchproduktionen sogar eher an. Can Dündars Buch zeigt uns allen, dass am Ende jeder Geschichte die Wahrheit obsiegt, denn sie lässt sich einfach nicht zurückdrängen. Solange es mutige, interessierte Menschen gibt.