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Archivreisen

 

Laurence, meine Doktoratsbetreuerin, schwärmte von ihnen: "Archive bergen immense magische Welten". Und in ihnen kann man allerlei erleben. So staubtrocken wie sie sich viele Laien vorstellen sind sie gar nicht. Zunächst fällt meistens als erstes ins Auge wie gut sie organisiert sind. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, wenn man sich vorstellt, dass es zahlreiche bezahlte Kräfte gibt, die Tag ein Tag aus mit nichts anderem beschäftigt sind als Dokumente und Material zu ordnen und zu verwalten. Außerdem muss gewährleistet sein, dass man sich in den Räumen zurecht findet, will man Ertragreiches zu Tage fördern. Archive sind keine toten Säle, sondern beherbergen ähnlich wie Museen viele interessante Zeugnisse vergangener Zeiten. Wer sich einmal an das Abenteuer macht sie zu erkunden, wird reich belohnt: mit Tagebucheinträgen, Verwaltungsakten und anderen Schriftstücken eröffnen sie den Zugang zu dem, was unsere Ahnen gedacht, getan und sich gewünscht haben. Aber um den Zugang dazu zu erhalten, braucht man als erstes die Erlaubnis, sie besuchen zu dürfen. Das heisst man muss ein öffentliches oder privates Interesse bekunden und oft bedarf es auch einer schriftlichen Anfrage eines Institutsdirektors oder eines Professors.

Mit solchen Schreiben bestückt forschte ich in zahlreichen Archiven rund um die Welt, um mehr darüber zu erfahren wie der Rassismus zum Problem geworden ist. Meine erste Archivreise führte mich von Florenz nach Berlin und Potsdam. Mir war es noch nicht ganz geheuer, den weiten Weg über den großen Teich zu wagen, wo die eigentlich wichtigen Archive für mein Thema waren. In den Bibliotheken von Potsdam und Berlin wollte ich meine Archivaufenthalte erst einmal vorbereiten. Ich schrieb Bibliographien und schaute in Findbüchern nach, wo ich was finden würde. Als nächstes flog ich nach Ottawa, wo ich einen kanadischen Metis besuchte, der allerlei Material bei sich zu hause hortete. Seit er in Erfahrung gebracht hatte, dass er indianische Vorfahren hatte, hatte er sich ganz und gar der Erforschung der Metis, den Nachkommen der Europäer und Indianer, gewidmet. Martin war ganz und gar beseelt von der Idee, dass die Metis stets Vorreiter gewesen waren und dass ihre Geschichte einer wahrheitsgetreuen Widergabe bedurfte, die die offizielle Geschichtsschreibung korrigieren helfen sollte. Denn in Kanada waren die Ansichten gespalten wie wichtig und weitläufig das Phänomen der sogenannten Mischehen gewesen war. Für Martin war die Lage ganz klar: die Mehrheit der Kanadier hatten indianische Vorfahren, aber viele wussten es nicht.

Allerdings hatte sich längst eine Bewegung gegründet, die den Familiengeschichten nachging. "Ancestry" und "origin" waren daher geläufige Begriffe, von denen ich während meines Aufenthalts dort immer wieder reden hörte. In Ottawa ging ich regelmäßig ins Nationalarchiv und da in Archiven strenge Nutzerregeln herrschen, in die man nicht unbedingt umfassend eingewiesen wurde, wurde ich einmal ermahnt, den Karton mit den Originaldokumenten der kanadischen Provinzverwaltung doch bitte nicht aus dem Raum an meinen Leseplatz zu tragen. Denn das Einsehen der Dokumente musste unter Aufsicht geschehen, damit gewährleistet blieb, dass auch nichts entwendet wurde. Das war ohnehin nicht meine Absicht gewesen. Vieles war auch ohnehin auf Mikrofilm gespeichert, sodass man nur an speziellen Lesegeräten in die Vergangenheit eintauchen konnte.

Martin kannte die Busrouten in- und auswändig und so konnte er mir bei der Organisation meiner An- und Abfahrten helfen. Die Lektüre gestaltete sich somit recht problemlos. Nur bei den kirchlichen Archiven wurde es kompliziert. Als ich einmal per E-mail vorab nachfragte, wie ich dorthin käme, bekam ich nur eine unwirsche Antwort, die in etwa ausdrücken sollte, dass ich das gefälligst selbst herausfinden könne. Ohnehin ist Geschichtsarbeit ja eine Art detektivische Sucherei, bei der man entweder fündig wird oder nicht und manchesmal die haarsträubendsten Wahrheiten ans Licht bringt.

Meine nächste Station war Montreal. Ich erinnere mich noch, wie ich einen Kioskbesitzer nach dem Weg zum "Musée des Beaux Arts" fragte und er "Mozart" verstand, weil die französische Aussprache dieses Namens tatsächlich der von "Beaux Arts" sehr ähnlich klingt. Diese vibrierende Stadt, die ganz im Gegensatz zum vorwiegend englischsprachigen Ottawa auf mich viel aufgeschlossener und lockerer wirkte und die mit ihren Bars, Clubs und zahlreichen Restaurants eher von der Archivarbeit abzulenken wie prädestiniert war, zog einen regelrecht in ihren Bann. So legte ich meine Archivbesuchszeiten stets in den frühen Morgen und Nachmittag, sodass ich abends die Stadt erkunden konnte. Eines Mal brachte mich mein Freund Stéphane in eine Pizzeria, die ihren recht eigenen Charme hatte, und sein Freund Tony lehrte mich, dass "Poutine" eine Art Nationalgericht sei (aus Pommes, Käse und Fleischsauce). Das benachbarte Québec fand ich pittoresk und ebenso freundlich und machte dort ausgiebige Fototouren.

In Chicago ging es mir ähnlich. Abgesehen von den gefährlichen Outskirts fand ich die Stadt so faszinierend, dass ich die jüdische Synagoge und ihr Museum, das Stadttheater und die Jazzkonzerte besuchte. In den zwei Wochen, die ich dort blieb, reichte die Zeit noch genügend für die Archivarbeit. Ich durchforstete private Berichte und Sekundärliteratur, die ich nur dort fand, und war froh als ich mich abends in der Studentenbude, die mir eine chinesiche Kommilitonin überlassen hatte, ausruhen konnte. Beim Rückflug kam es zu einem Buchungsproblem, das mir ein Bekannter zu lösen half, und irgendwie war ich auch wieder froh nach good old Europe zurückzukehren.

In Paris, wo es sehr viel Material gab, verbrachte ich ganze drei Monate. Mit der Hilfe eines Forschungsinstituts bekam ich die Erlaubnis, mir Akten und Briefe französischer Verwaltungsbeamter anzusehen und auszuwerten. In einer internen Konferenz berichtete ich von meinen Ergebnissen und fand, dass das Thema noch längst nicht erschöpfend behandelt war. Die Bibliothèque Nationale wurde zum Treffpunkt von Forschern, wo man sich rege austauschen und sich gegenseitig helfen konnte. Denn ohne Platzreservierung lief gar nichts. Das Nationalarchiv, in dem ich hauptsächlich an Mikrofilmen forschte, verwies mich weiter an das Kolonialarchiv in Aix-en-Provence. Dort angekommen war ich zwar angetan vom südfranzösischen Flair, aber eher geschockt über die Unterbringung der Studenten. So in etwa stellte ich mir Gefängniszellen vor, so klein und spärlich bestückt waren die lieblosen Räume.

Meine letzte Station war Rom. So geheim fand ich das Vatikanische Geheimarchiv gar nicht, denn den Archivbediensteten musste ja ebenso wie mir klar gewesen sein, dass ich meine Forschungen veröffentlichen wollte. Und bei den Jesuiten in Rom fand ich interessante Gesprächspartner, die meine Suche erheblich erleichterten.

Archive sind immense magische Welten: genauso ist es und eine Reise in die Vergangenheit lohnt sich immer, wenn man nicht nur diese, sondern auch die Gegenwart und Zukunft besser verstehen will.